L’Aragonés – Das Aragonesische

Das Aragonesische (Aragonés, aber auch Fabla oder Luenga Aragonesa genannt) gehört zu den vom Aussterben bedrohten Sprachen Spaniens. Da es nur sehr wenig Sprecher hat (etwa 25.000) und wenig bis keinen politischen bzw. institutionellen Rückhalt genießt, sehen es viele Spanier immer noch als einen Dialekt des Spanischen an, manchmal sogar als eine Erfindung. Allerdings ist diese Annahme falsch, da sich das Aragonesische unabhängig vom Spanischen aus dem örtlichen Vulgärlatein entwickelt hat und deshalb nicht als spanischer Dialekt, sondern als eine unabhängige romanische Sprache angesehen werden muss. Wichtig ist auch zu wissen, dass das heutige Aragonesische von einer Sprache abstammt, die im Mittelalter Amtssprache der Krone Aragoniens war und sowohl in Aragón, Navarra, La Rioja, Teilen Valencias und Sorias als auch in Teilen von Murcia gesprochen wurde: dem Navarro-Aragonesischen. Bei so viel Unwissen über die Sprache im eigenen Land, kann man es den Leuten in Deutschland kaum verübeln, dass sie von dieser Sprache noch nie etwas gehört haben. Trotzdem ist es schade, denn es ist ein sehr interessante Sprache, die ein bisschen als Brückensprache zwischen den iberoromanischen Sprachen wie Spanisch oder Portugiesisch und den okzitano-romanischen Sprachen (Katalanisch und Okzitanisch) fungiert. Oft wird die Sprache entweder den iberoromanischen oder den okzitanisch-romanischen Sprachen zugeordnet, aber es gibt keinen wirklichen wissenschaftlichen Konsens darüber.

Die Entstehungsgeschichte der aragonesischen Sprache unterscheidet sich kaum von der der anderen romanischen Sprachen der Iberischen Halbinsel. Auch hier kam mit der Eingliederung des Gebiets in das Römische Reich das Lateinische in eine Region, die natürlich schon von anderen Völkern bewohnt war. Im Norden Aragoniens waren es vor allem aquitanische Basken, im Osten Iberer und im Süden Keltiberer. Beweise für die baskische Besiedlung der aragonesischen Pyrenäen sind vor allem Ortsnamen baskischen Ursprungs wie Ascaso (bask.: Askatzu), Ayerbe, Biscarrués, Javierre/Ixabierre/Xabierre, Jaca/Chaca, Aínsa, Sabiñánigo oder Sobrarbe. Wo genau die Sprache entstand, ist schwer zu sagen. Sicher ist nur, dass die heutige aragonesische Sprache ein Relikt des Navarro-Aragonesischen ist, das im Mittelalter ausstarb. Die navarro-aragonesische Sprache (Navarroaragonés) ist eine der fünf romanischen Sprachgruppen, die sich auf der Iberischen Halbinsel vom Vulgärlatein weg entwickelt haben. Die anderen vier sind das Galicisch-Portugiesische im Nordwesten, das Asturleonesische, das Kastilische und das Katalanische. Zur Gruppe des Navarro-Aragonesischen gehörten neben dem mittelalterlichen Aragonesisch (Aragonés medieval) auch das Navarresische (Romance Navarro) und das Riojanische (Romance Riojano Precastellano). Als erste schriftliche Überlieferung der Sprache gelten mittlerweile die Glosas Emilianenses (im Kloster San Millán de la Cogolla/ La Rioja) aus dem 10. Jhd., die lange Zeit als die ersten in spanischer Sprache geschriebene Zeilen galten. Jedoch kann man das Geschriebene jener Zeit nicht eindeutig einer der beiden Sprachen zuordnen, weshalb es immer noch genug Linguisten gibt, die die Zeilen für Spanisch halten. Das ist aber auch nicht ganz so wichtig. Viel wichtiger ist es meiner Meinung nach, zu verstehen, dass man unter Navarro-Aragonesisch eine Vielzahl an romanischen Mundarten versteht, die sich in einem Gebiet entwickelten, das sich von der Rioja Alta im Westen bis zur Ribagorza im Osten erstreckte. Dies geschah mehr oder weniger unabhängig von einander, was jedoch nichts daran ändert, dass sie sich sehr ähnlich waren (was wohl dem baskischen Substrat zu verdanken ist).

Das Aragonesische entstand in den aragonesischen Pyrenäen, auch Alto Aragón (Ober-Aragonien) genannt. Dieses Gebiet wurde zwischen 714 und 718 von den Mauren erobert und unterworfen. Allerdings hielt die maurische Herrschaft nicht lange, es kam zu mehreren christlichen Aufständen und bereits im Jahr 724 war das Gebiet Teil der Spanischen Mark (Teil des Fränkischen Reichs unter Karl dem Großen). Es entstanden drei Grafschaften: Die Grafschaft Ribagorza (Condau de Ribagorça), die Grafschaft Sobrarbe (Condato de Sobrarbe) und die Grafschaft Aragón (Condato d’Aragón, ihre Grafen waren ab 809 n. Chr. Basken, Nachfahren des 2. Grafen Aznar I. Galíndez). Diese Grafschaften waren zunächst voneinander unabhängig, aber unter fränkischer Herrschaft. Die Grafschaft Aragón wurde allerdings bereits im Jahr 922 ins KönigreichKönigreich Pamplona Pamplona integriert (die Könige trugen ab 938 den Titel Rey de Pamplona y Conde de Aragón). Erst im Jahr 1015 bzw. 1018 wurden unter dem König Sancho Garcés III. auch der Sobrarbe und die Ribagorza erobert und in das Königreich Pamplona integriert, das zu der Zeit zum einflussreichsten Königreich der Iberischen Halbinsel herangewachsen war: Selbst die Grafschaft Kastilien – aus der kurz darauf das Königreich Kastilien entstehen sollte – gehörte zu der Zeit zum Königreich Pamplona. Die wichtigsten Sprachen des Königreichs waren Latein, Kastilisch, Baskisch, Okzitanisch und Navarro-Aragonesisch. Dabei konkurrierten vor allem das Kastilische und das Navarro-Aragonesische, sodass sich beide Sprachen gegenseitig beeinflussten (so übernahm das Kastilische z.B. das aragonesische „chepa“ statt des eigenen „giba“ = Buckel). Diese Konkurrenz fand allerdings eher in den Städten statt (Pamplona/Iruñea, Estella-Lizarra), die Landbevölkerung war größtenteils zweisprachig Baskisch/Navarro-Aragonesisch. Auch im Umland von Jaca (La Jacetania) in Aragón wurde im 14. Jhd. noch Baskisch gesprochen. Selbst in Huesca scheint die Sprache nicht unbekannt gewesen zu sein, schließlich wurde im Jahr 1349 explizit das Baskische (neben Arabisch und Hebräisch) auf dem Marktplatz verboten (siehe „Ordenanzas“: ltem nuyl corredor non sia usado que faga mercaderia ninguna que conpre ni venda entre ningunas personas, faulando en algaravia ni en abraych nin en bascuenç; e qui lo fara pague por coto XXX sol). Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Aragonesische unglaubliche viele Wörter baskischen Ursprungs aufweist: agüerro (Herbst), escarrón (Ahorn), ibón (Gletschersee), gabardera (Heckenrose), lurte (Lawine), muga (Grenze), arto (Weißdorn), magoría (Erdbeere), sabaya (Dachboden), sarrio (Gemse) oder polido (bask.: polita, hübsch).

Im Jahr 1035 vereint Ramiro I. – Sohn von Sancho Garcés III. und Erbe der aragonesischen Grafschaften – diese Grafschaften und gründet das Königreich Aragón (Reino d’Aragón), das bis ins Jahr 1707 bestehen bleiben sollte. Das anfänglich sehr kleine Königreich expandierte in den darauffolgenden Jahrhunderten nach Süden. Durch die Wiederbesiedlung der eroberten Gebiete durch Aragonesen aus dem Norden, rückte auch die aragonesische Sprache immer weiter gen Süden. Aber auch Okzitanier, Kastilier, Franken, Mozaraber und Mudéjares (arabisierte Christen und muslimische Araber aus Al-Andalus) siedelten in den Gebieten. Als sich das Königreich Aragón und die Grafschaft Barcelona im Jahr 1137 zur Krone Aragón vereinten, wurden das Aragonesische und das Katalanische zu den Amtssprachen der Krone. Jetzt begann die Blütezeit der mittelalterlichen aragonesischen Sprache (Aragonés medieval): Zwischen dem 12. und dem 15. Jhd. erscheinen unzählige Texte auf Aragonesisch, von Gesetzestexten, Foralrechten (regionale Sonderrechte), Poesie, Prosa bis hin zum Liber Regum, dem ältesten Buch über spanische Geschichte, das in einer romanischen Sprache geschrieben wurde (später wurde es auch ins Spanische und ins Portugiesische übersetzt). Sowohl das Liber Regum (12./13. Jhd.) als auch das Vidal Mayor (Zusammenstellung des aragonesischen Sonderrechts aus dem 13. Jhd.)  sind in der damaligen aragonesischen Kanzleisprache (scripta aragonesa) geschrieben, die jedoch die gesprochene Sprache nicht wirklich wiedergibt, da sie keine regionale/ dialektale Färbung bzw. Eigenheiten aufweist (diese galten als „bäuerlich“). In beiden findet man trotzdem viele typisch aragonesische Strukturen: So kommen z.B. die Pronomen „ne/en“ und „hi/bi/i“ (Französisch: „en„/ „y“; Katalanisch: „en“/ „hi“) vor, die das Spanische nicht kennt, z.B. „el fo s’end“ (er ging von dort weg) oder „fo hi grand la famne“ (der Hunger dort war groß). Außerdem kommen viele aragonesische Wörter vor: „[…] por la gracia de Dius a la nuestra seynnoría aplegantes, proveydo el tiempo […]“ oder „dreito“ (span.: derecho, Recht), „feito“ (span.: hecho, gemacht), „aqueill“ (span.: aquel, jener), „fazer“ (span.: hacer, machen), „muit/muito“ (span.: mucho, viel), „nueit“ (span.: noche, Nacht) oder „lor/lures“ (keine Entsprechung im Spanischen, am ehesten „su/ sus“; frz.: leur/ leurs; kat.: llur/ llurs, „ihr“ als Possessivpronomen – mehrere Besitzer). Obwohl die Texte auf Aragonesisch geschrieben sind, ist eine starke Kastilisierung nicht von der Hand zu weisen. Tatsache ist einfach, dass das Navarro-Aragonesische von Anfang an mit dem Kastilischen konkurrierte, immer mehr kastilische Wörter und Satzstrukturen aufnahm und so besonders in La Rioja und Navarra relativ schnell verschwand (in La Rioja sprach man ab dem 14. Jhd. nur noch Spanisch, zwar mit vielen navarro-aragonesischen Wörtern, aber Spanisch). In Navarra scheint es sich noch bis ins 16. Jhd. gehalten zu haben, besonders in der südlichen und östlichen Landbevölkerung, aber spätestens dann kam es zu einem radikalen Sprachwechsel. Eine der wichtigsten Überlieferung über die Geschichte der Krone Aragóns, die vollständig auf Aragonesisch erhalten ist, ist die Cronica de Sant Chuan d’a Penya aus dem Jahr 1372. In ihr findet man so gut wie keine spanischen Ausdrücke (z.B. […] E depues de la muert de aquesti rey Fortunyo García, regnó en Pamplona el rey Sancho García, et en vida suya murió en Aragon el comte Galindo; et regnaua en las Esturias el rey Ordonyo qui fué, venido las oras, desbaratado por el rey de Córdoua clamado Abderramen […], Kapitel 9). Weitere wichtige schriftliche Quellen, um auch die gesprochene Sprache nachvollziehen zu können, waren die Texte, die in Aljamiado geschrieben wurden, also in diesem Fall Aragonesisch, aber in arabischer oder hebräischer Schrift. So sind auch aragonesische Verbformen wie „entroron“, „ye“ (span.: es, ist), „yes“ (span.: eres, du bist), „yera“ (span.: era, war) oder „seyer“ (span.: ser, sein) belegt (aus dem Aljamiado-Gedicht „Poema de Yuçuf“, 14. Jhd.). Eine wichtige Figur der aragonesischen Literatur des Mittelalters – wenn nicht die wichtigste – war Johan Fernández de Heredia, der viele antike Klassiker ins Aragonesische übersetzte, wie z.B. das Libro de los Emperadors (Epitome Historion von Johannes Zonaras) oder das Secreto secretorum und auch eigene Werke, wie die Cronica de los Conquiridors oder die Grant Cronica d’Espanya, veröffentlichte. Dabei weisen die ersten beiden Werke weniger Kastilismen (kastilische Ausdrücke) auf, als die letzten beiden, die wohl stärker von seiner Muttersprache – dem Aragonesischen Südaragoniens (Aragonés d’as Comunidatz Aragonesas) – geprägt waren. Dieses Aragonesisch, das südlich des Ebro gesprochen wurde, war dem Spanischen schon immer näher als die nördlichen Dialekte. Das lag zum einen daran, dass sich das Aragonesische dort viel stärker mit dem Mozarabischen und den Mundarten der Siedler vermischte, die vor allem aus Nordaragonien, Navarra, Kastilien, dem Baskenland und der Gaskogne stammten. Zum anderen lag es aber auch daran, dass die Region direkt an das Königreich Kastilien grenzte und daher der Einfluss des Kastilischen von vornherein viel stärker war. Besonders deutlich wird das in Texten aus der Region, da die Autoren meistens auf kastilische Form zurückgreifen. So kommen dort überwiegend Formen mit kastilischem -ch- statt aragonesischem -it- und mit -j- (bzw. -i-, -g-) statt -ll- vor: fecho statt feito (span.: hecho, gemacht), dicho statt dito (span.: dicho, gesagt), ocho statt ueit/ueito (span.: ocho, acht), ojo statt uello/güello (span.: ojo, Auge), muger statt muller (span.: mujer, Frau) oder trabaio statt treballo (span.: trabajo, Arbeit).  Auch die Sprache um Zaragoza – dem Ebro-Becken – war zu der Zeit stark kastilisiert, allerdings nicht ganz so stark wie im Süden. Am konservativsten waren schon immer die Dialekte im Norden, in den abgelegenen Pyrenäentälern.

Ab der Vereinigung der Kronen von Kastilien und Aragón im späten 15. Jhd., begann das Aragonesische aus den offiziellen Bereichen des Lebens zu verschwinden. Zwar waren die Königreiche de iure voneinander unabhängig, aber das Kastilischen als Bildungs- und Literatursprache hatte schon in den vorherigen Jahrhunderten in den aragonesischsprachigen Gebieten Fuß gefasst, sodass mit der Vereinigung sein Status als „bessere“ Sprache stetig stieg. Zunächst übernahmen die regionalen Parlamente das Spanische, kurz darauf die aragonesische und navarresische Elite. Bereits im 16. Jhd. war das Aragonesische aus fast allen südlichen Regionen des Königreichs verschwunden. Allerdings verschwand es nicht spurlos. Das Vokabular in den Bereichen Landwirtschaft, Natur, Haushalt oder Nahrung ist in den ländlichen Regionen Aragóns bis heute größtenteils aragonesisch, z.B. ababol statt amapola (Mohn), panizo statt maíz (Mais), presco/ presiego statt melocotón (Pfirsich), sargantana statt lagartija (Eidechse), pozal statt cubo (Eimer), bisalto statt guisante (Erbse), charrar statt charlar/hablar (sprechen), esquiruelo statt ardilla (Eichhörnchen) oder escobar statt barrer (fegen). Auch in der Betonung findet man aragonesische Züge: So gibt es z.B. fast nie „Palabras esdrújulas“, also Wörter, die auf der drittletzten Silbe betont werden. Stattdessen werden sie auf der vorletzten betont („Palabras llanas“), wie pajaro statt pájaro, medico statt médico oder gramatica statt gramática. Der Sprachwechsel zum Spanischen war allerdings ziemlich radikal. Zwar wurden natürlich einzelne aragonesische Wörter in das regionale Spanisch aufgenommen, und auch die Sprachmelodie (Intonation) und Betonung erinnert teilweise noch stark an das Aragonesische, aber das Bewusstsein darüber, dass man früher in den jeweiligen Regionen nicht Spanisch, sondern Aragonesisch, gesprochen hat, fehlt bei den Menschen vollkommen. So verschwand die Sprache aus dem öffentlichen Leben immer weiter: Aus der Zeit zwischen dem 16. und 19. Jhd. sind so gut wie keine schriftlichen Überlieferungen auf Aragonesisch bekannt. Zwar erscheinen in manchen Werken aragonesische Wörter oder Redewendungen, wie in den Gedichten von Ana Abarca de Bolea (17. Jhd.); das allerdings als aragonesischsprachige Literatur zu bezeichnen ist schwierig, da man nur aragonesische Wörter benutzt, um z.B. Bauern „realistischer“ darzustellen. Die Sprache lebte jedoch in der Landbevölkerung des Nordens weiter, obwohl sie von den Städtern als Bauernsprache abgetan wurde. Am Ende waren es aber die Sprecher selbst, die ihr Sprachbewusstsein verloren und ihre Sprache als „hablar mal“ (schlecht sprechen) oder „charrar basto“ (grob sprechen) bezeichneten. Sie waren der Meinung, Spanisch zu sprechen, das sich eben in zwei Kategorien einteilen ließ: gut oder schlecht sprechen. Noch heute findet man Dörfer, wo die Menschen ihre Sprache so nennen. Erst im 19. und 20. Jhd. erscheinen wieder Autoren, die sich des Aragonesischen bedienen, um ihre Werke zu veröffentlichen. Ihnen fehlte allerdings ein schriftlicher Standard und das Bewusstsein, dass die Leute im Nachbartal dieselbe Sprache sprachen, sodass das meiste als Dialektliteratur einzuordnen ist. Nahezu jedes Tal hatte einen eigenen Dialekt und die Schriftsteller griffen auf die spanische Rechtschreibung zurück, um diese schriftlich darzustellen. Wichtigste Vertreter dieser Zeit waren Domingo Miral und Veremundo Méndez (schrieben im Cheso-Dialekt), Pedro Arnal Cavero und Juana Coscujuela (schrieben in Semontanés) oder Tonón de Baldomera (schrieb in Ribagorzano/Grausín).

Während des 20. Jhd. kam es zu einer extremem Landflucht, besonders im Sobrarbe und in der Ribagorza. Die Provinz Huesca hat heute immer noch etwa 40.000 Einwohner weniger als vor 100 Jahren (1910 ca. 265.000 Einwohner, im Jahr 2014 etwa 224.000, ohne Bürgerkrieg und Abwanderung wären es 1970 über 330.000 gewesen). Nachdem Ende der 90er Jahre der Tiefpunkt mit ca. 206.000 Einwohner erreicht war, kam ab dem Jahr 2000 zur Einwanderung von Leuten, die sich entweder in der Provinzhauptstadt Huesca oder in den Touristengebieten der Pyrenäen niederließen. Noch drastischer sieht es in den Gemeinden in den Pyrenäen aus. Der Sobrarbe hatte 1920 knapp 22.800 Einwohner, 2011 waren es nur noch ca. 7.800, Ansó hatte 1920 etwa 1.500 Einwohner, 2011 waren es nur noch 490 und die Ribagorza hatte 1910 über 34.000 Einwohner, heute allerdings nur noch etwas über 13.400. Die Landflucht auf der einen Seite und die Einwanderung spanischsprachiger Menschen in die Region auf der anderen, führten letztendlich dazu, dass das Aragonesische immer mehr Sprecher verlor. Je mehr Leute von Außerhalb in einem Dorf leben, desto schneller geben die Einheimischen ihre Muttersprache auf, da sie sich schämen. Als Beispiel kann man die Dörfer Igriés und Agüero – beide im Umland von Huesca – nehmen. Ihre Bevölkerungsentwicklung könnte unterschiedlicher nicht sein und doch ist sie exemplarisch für viele Dörfer im Alto Aragón. Während Agüero im Jahr 1910 über 1.100 Einwohner hatte, hat es jetzt nur noch 161. Es gab hier keine Einwanderung und heute zählt es zu den letzten aragonesischsprachigen Dörfern im Umland von Huesca (Hoya de Huesca/ Plana de Uesca). Igriés hatte im Jahr 1910 etwa 450 Einwohner und verlor durch Landflucht bis Mitte der 90er Jahre mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung (1992: 179 Einwohner). Doch ab dem Jahr 2000 begann die Einwanderung, sodass das Dorf heute 711 Einwohner hat (75% der Einwohner sind von Außerhalb). Heute spricht niemand in Igriés mehr Aragonesisch.

Am lebendigsten ist die Sprache heute noch in den Tälern Val d’Echo und Val d’Ansó (bei Jaca, im Westen), Val de Tena (vor allem Panticosa), Val de Chistau und Val de Puértolas (östlicher Sobrarbe) und in der Ribagorza (im Osten). Lebendig heißt, dass es noch von allen Generationen gesprochen wird. Daher stimmt die Karte zur Verbreitung der aragonesischen Sprache, die man überall im Internet findet, leider nicht ganz. Die Karte zeigt die Verbreitung der Sprache bis 1950, als sie noch eine sehr lebendige Alltagssprache war (obwohl man 1993 sogar noch über 500 monolinguale Aragonesisch-Sprecher zählte). Heute sieht es eher so aus (in den „verlorenen“ Gebieten gibt es weiterhin Sprecher, aber nur noch sehr wenige und zumeist sehr alte):

Nach dem Ende der Franco-Diktatur kam es zu einer Standardisierungsbewegung, die im Jahr 1987 in der Rechtschreibung von Huesca mündete (Grafía de Huesca). Das Problem an dieser Rechtschreibung war, dass viele Sprecher sie ablehnten. Zum einen, weil regionale Eigenheiten – besonders die, die dem Katalanisch ähnlich waren – im Standard verboten wurden, und zum anderen, weil die Rechtschreibung keine Rücksicht auf die Etymologie (also Wortherkunft) nahm und sich zu stark am Spanischen orientierte. So wurde alles was [b] oder [ß] ausgesprochen wurde mit <b> geschrieben, selbst wenn die Wörter ursprünglich mit <v> geschrieben wurden. Auch alles was [θ] ausgesprochen wurde, wurde nur noch mit <z> geschrieben, egal ob das Wort der Herkunft nach mit <c> geschrieben werden müsste: bal statt val (Tal), baca statt vaca (Kuh), bocal statt vocal (Vokal), fazil statt fácil (einfach) oder zien statt cien (Hundert). Aus dem Spanischen wurden auch die Akzentregeln und das <ñ> übernommen, obwohl das Aragonesische dafür eine eigene Schreibweise hatte (<ny> oder <yn>). Nachdem im Jahr 2004 eine neue Rechtschreibung von der SLA (Sociedat de Lingüística Aragonsa) veröffentlicht wurde, die sich ausschließlich an der mittelalterlichen Schreibweise orientierte, und somit dem Katalanischen viel ähnlicher war, kam es zu einer Art Vakuum. Zwar war die Rechtschreibung von Huesca weiter verbreitet, aber besonders Autoren aus der Ribagorza favorisierten die neue Rechtschreibung der SLA. So taten sich verschiedene Sprachwissenschaftler und Dialektschreiber zusammen und entwickelten unter Aufsicht der Academia de l’Aragonés (selbsternannte aragonesische Sprachakademie) eine neue Rechtschreibung, die 2010 veröffentlicht wurde. Diese wird von fast allen Kreisen akzeptiert. Auf der einen Seite orientiert sie sich stärker an der Etymologie (vor allem was <b, v, z, c> und die Benutzung von <ny> statt <ñ> betrifft), entscheidet sich aber in einem Fall auch dagegen (<ch, j, ge, gi> wurden immer wie [t͡ʃ] – Deutsch „tsch“ – ausgesprochen, sodass jetzt alles mit <ch> geschrieben wird). Auf der anderen Seite versucht sie auch, östliche Varietäten in den Standard zu integrieren. Das äußerst sich vor allem im erlaubten Vokabular, aber auch in der Pluralform mancher Substantive und der Verb-Endung <-tz>, die im restlichen Aragonesisch wie <z> – also [θ] – ausgesprochen wird, in der Ribagorza aber wie [ts]. Beispiele: val (statt vorher bal), anyada (statt vorher añada, Jahr), totz (statt vorher toz, alle). Zwar gilt auch diese Orthografie nur als provisorisch, aber mittlerweile wurde sie von den meisten Vereinen, Institutionen und Autoren akzeptiert. Die Standardisierung der Sprache hat sich aus unterschiedlichen Gründen als ziemlich schwierig erwiesen. Auf der einen Seite stehen verschiedene Vereine und Institutionen, die sich für den Erhalt der Sprache einsetzen, jedoch unterschiedlichen politischen Ideologien angehören, was sich leider auch auf ihre Sicht auf die Sprache auswirkt. So vertreten der Consello d’a Fabla, die Ligallo de Fablans de l’Aragonés und die Partido Aragonés oft einen anti-katalanischen Standpunkt, der eng mit dem spanischen Nationalismus verbunden ist. In diesem Falle allerdings ohne die, für den spanischen Nationalismus typischen, Überzeugung, dass es in Spanien eigentlich nur Mundarten und keine anderen Sprachen gibt (Baskisch ausgeschlossen). Auf der anderen Seite steht der dialektale Zerfall der Sprache und das fehlende Zusammengehörigkeitsgefühl der Sprecher. Nahezu jedes Tal der aragonesischen Pyrenäen hat seinen eigenen Dialekt. Da die Sprecher das Zusammengehörigkeitsgefühl verloren haben, benennen die meisten ihre Sprache nach ihrem Tal; die wenigstens benutzen die Worte „Aragonés“ oder „Fabla„, wenn es darum geht, ihrer Sprache einen Namen zu geben. So kommt es, dass man Cheso, Chistabín, Ansotano, Belsetán, Pandicuto, Bergotés, Benasqués, Semontanés, Fovano, Grausín oder Estadillano spricht. Auch die Rolle der Politik war im Normalisierungsprozess alles andere als hilfreich. Die spanische Verfassung erkennt Regionalsprachen (ohne sie beim Namen zu nennen) in den jeweiligen Sprachgebieten als ko-offizielle Amtssprachen an, solange das in den jeweiligen Autonomiestatuten (Landesverfassungen) so geregelt ist. Sie spricht auch vom Schutz und der Förderung regionaler sprachlicher Besonderheiten. Was genau das nun heißt, steht da nicht. Also lag es an der Regionalregierung in Aragón, ihre Regionalsprachen (Aragonesisch und Katalanisch) als offizielle Amtssprachen anzuerkennen, was allerdings nie passiert ist. Weder die Landesverfassung von 1987 noch die von 2007 erwähnen das Aragonesische oder Katalanische wörtlich, es wird nur von „eigenen Sprachen und sprachlichen Modalitäten“ gesprochen („Las lenguas y modalidades lingüísticas propias de Aragón […]“), die unter besonderem Schutz stehen, und die in allen Bereichen des öffentlichen Lebens (Verwaltung, Bildung, Sprachlehre und Verbreitung) gefördert werden sollen (Artikel 7, Estatuto de Autonomía de Aragón, 2007). Geplant waren u.a. eine sprachliche Teilung Aragóns in drei Sprachzonen, eine aragonesische, eine spanische und einen katalanische (ähnlich wie in Navarra oder Valencia), in denen die regionalen Sprachen einen Status als Amtssprache erlangen und aktiv von der Regionalregierung gefördert werden sollten (Ley de Lenguas, 2009). Außerdem sollten für die jeweiligen Sprachen offizielle Sprachakademien gegründet werden, die sich der Forschung, Verbreitung und Lehre der Sprachen widmen sollten. Nichts davon wurde umgesetzt, da im Jahr 2011 die rechts-konservative Partei PP die Wahlen in Aragón gewann, und das vorherige Sprachgesetz durch ein neues ersetzte (2013). Dieses neue, sehr polemische, Gesetz schloss eine Einteilung Aragóns in Sprachgebiete aus und verbannte die Bezeichnungen der Sprachen als „aragonés“ und „catalán“ aus dem offiziellen Sprachgebrauch. Stattdessen hießen die Sprachen jetzt „LAPAO“ (Lengua Aragonesa Propia del Área Oriental / Einheimische aragonesische Sprache der östlichen Gebiete, vorher Katalanisch) und „LAPAPYP“ (Lengua Aragonesa Propia de las Áreas Pirenaica y Prepirenaica / Einheimische aragonesische Sprache der Pyrenäen und Vorpyrenäen, vorher Aragonesisch). Von einem Tag auf den anderen entstanden so zwei „neue“ Sprachen. Die PP, eine Partei, die stark mit der Franco-Diktatur verbunden ist und den spanischen Nationalismus verkörpert wie kaum eine andere Partei, versucht sein Jahrzehnten die sprachliche Landschaft Spaniens zu zerstückeln. Auf Mallorca setzt sie sich dafür ein, dass das Mallorquinische nicht als Katalanisch, sondern als eigenständige Sprache, angesehen wird; in Valencia ist sie Teil der Blaverismo-Bewegung, die der Meinung ist, Valencianisch sei kein Katalanisch; in Asturien vertritt sie die Ansicht, dass das Galicische Asturiens (galego d’Asturias) eine unabhängige Sprache ist (Eonaviego), in León bestreitet sie, dass das Leonesische zum Asturischen gehört und in Galicien ist die Partei stark an der Kastilisierung des Galicischen beteiligt und ist großer Verfechter des dreisprachigen Schulsystems, das darauf ausgerichtet ist, dem Galicischen so viel Raum wie möglich zu nehmen. In Aragón wäre es ihnen wohl am liebsten gewesen, die Sprachen ganz zu streichen, da das aber nicht möglich war,  bediente man sich des Prinzips „Teile und herrsche“, und entschied, dass das Katalanische in Aragón kein Katalanisch mehr war, sondern LAPAO. Seit 2015 regiert jedoch wieder eine linke Regierung (PSOE und Chunta Aragonisista), die dieses Sprachgesetz im selben Jahr wieder rückgängig machte und die gewohnten Bezeichnungen Aragonesisch und Katalanisch wieder einführte. Damit erlangten die Sprachen und vor allem die Sprecher wieder ihre Würde zurück.

Sprachliches

Wie schon gesagt, ist die Sprache in viele unterschiedliche Dialekte zerfallen. Diese unterscheiden sich mehr oder weniger stark voneinander, je nachdem wie isoliert das Tal war oder an welchem Ende des Dialektkontinuums sie stehen. Dabei werden die einzelnen Dialekte meistens in vier Gruppen gegliedert: Westaragonesisch, Zentralaragonesisch, Südaragonesisch und Ostaragonesisch. Innerhalb jeder Gruppen hält sich die Variation in Grenzen, die einzelnen Dialekte sind überwiegend ohne große Schwierigkeiten untereinander verständlich. Für die Standardisierung der Sprache wurde fast ausschließlich auf westliche und zentrale Dialekte zurückgegriffen, da die östlichen vieles mit dem Katalanischen gemein haben und dies unerwünscht war. Probleme damit, spanische Wörter oder Strukturen zuzulassen, hatten die Erfinder des Standards dagegen nicht. Die verschiedenen aragonesischen Dialekte gliedern sich wie folgt:

  • Westaragonesisch (Aragonés Occidental)
    • Ansotano (im Val d’Ansó, lebendig, aber rückläufig)
    • Cheso (im Val d’Echo, sehr lebendig)
    • Aisino (im Val d’Aísa, stark rückläufig)
    • Chaqués (Umland von Jaca/Chaca, fast ausgestorben)
  • Zentralaragonesisch (Aragonés Central)
    • Tensino (im Val de Tena, rückläufig)
      • Pandicuto (in Panticosa/Pandicosa, lebendig)
    • Sarrablés (in Sarrablo, stark rückläufig)
    • Aragonés d’a Valle de Puértolas (lebendig, aber rückläufig)
    • Belsetán (in den Tälern von Bielsa, gilt als konservativste Varietät, kaum vom Spanischen beeinflusst, rückläufig)
    • Aragonés d’a Val de Vio/ Bergotés (in den Tälern von Vio, Torla, Fanlo, Broto, vor allem ältere Sprecher, stark rückläufig)
  • Südaragonesisch (Aragonés Meridional)
    • Semontanés (Vorpyrenäen, stark kastilisiert, stark rückläufig)
      • Semontanés de Balbastro (zwar stark kastilisiert, aber weniger als die anderen südlichen Dialekte; lebendig)
  • Ostaragonesisch (Aragonés Oriental)
    • Chistabín (im Val de Chistau; sehr konservativ; sehr lebendig)
    • Fovano (in A Fueva, lebendig)
    • Ribagorzano / Chapurriau (starker Einfluss des Katalanischen)
      • Benasqués / Patués (im Val de Benasc, sehr lebendig)
      • Campés (in Campo, sehr lebendig)
      • Grausín (in Graus, lebendig)
      • Foncense (in Fonz, lebendig und wenig kastilisiert)

Wenn man das Südaragonesische mal außen vor lässt, da es stark kastilisiert ist und bis auf wenige Ausnahmen – wie o/ a/ os/ as als bestimmte Artikel, die Nutzung des Adverbialpronomen „en“, der Präposition „ta“ und des Diminutivs „-et“ – kaum mehr aragonesische Züge aufweist, haben die einzelnen Dialekte trotz starker Isolation und Zu- und Abwanderung eine gewisse Einheitlichkeit beibehalten. Daher ist diese Einteilung nach Tälern, wo sie gesprochen werden, auch nicht immer die beste. Die Dialekte von Puértolas, Val de Vio und Val de Broto unterscheiden sich kaum voneinander, werden aber einzeln aufgeführt. Das liegt meistens daran, dass es viele Forschungsarbeiten zu den Dialekten der einzelnen Tälern gibt, die sich aber immer nur auf ein Tal beschränken, ohne die sprachlichen Eigenschaften der umliegenden Täler miteinzubeziehen.

Das heutige Standard-Aragonesisch hat sich aus vielen Dialekten bedient, um so viele Menschen wie möglich dafür zu gewinnen. Was nämlich an der Standardisierung einer kleinen Regionalsprache immer zum Problem wird, ist, dass die Sprecher sich nicht mit dem Standard identifizieren und ihn folglich auch nicht benutzen. Wie das mit diesem Standard aussieht, wird man in einigen Jahren sehen.

Charakteristisch für alle aragonesischen Dialekte – und daher auch des Standards – ist, dass die mittelalterlichen Konsonanten <ch, j, ge, gi, i> wie [t͡ʃ] ausgesprochen werden (deutsch „tsch“). Man hat daher den Digraphen <ch> gewählt, um diesen Laut darzustellen: minchar (essen), chusticia (Justiz), cheografía (Geografie), chelar (zufrieren), viache (Reise) oder biolochía (Biologie). Außerdem haben alle Varianten die Nutzung der Adverbialpronomen „en/ne“ (davon) und „i/ bi/ ie“ (da, dahin) gemein, deren Bedeutung größtenteils mit der im Französischen („en“ und „y“), Okzitanischen („en/ne“ und „i“) und Katalanischen („en/ne“ und „hi“) übereinstimmt: No i soi estato (Ich war da nicht), Cuántas en bi’istá! (Wie viele es davon gibt!), Bi ha chent que… (es gibt Leute, die…), Quiero ir-ie (Ich möchte dahin gehen), Quiers vin? No, no en quiero (Möchtest du Wein? Nein, ich möchte keinen), No tien un fillo, en tien tres (Er hat nicht ein Kind, sondern drei davon). Aber: As mazanas, ta Chusepa, li’n daban siempre que en quereba (≈ Sie gaben Chusepa immer die Äpfel, wenn sie welche davon wollte; statt Katalanisch: Les pomes, a la Josepa, les hi/ li les donaven sempre que en volia). Weitere Besonderheiten des Aragonesischen sind:

  • Die bestimmten Artikel sind o/ os/ a/ as. Stehen sie nach einem Wort, das auf Vokal endet, darf man auch lo/ los/ la/ las schreiben. Früher war auch ro/ ra/ ros/ ra erlaubt, da es einige Täler gibt, die diese Artikel benutzen, aber heute sieht man sie als Allomorphe von „lo“ an, sodass sie – außer in Dialektliteratur – nicht geschrieben werden: a casa (das Haus), o vin (der Wein), veigo lo vin (ich sehe den Wein). Die Variante mit <r> stammt von den mittelalterlichen ero/ era/ eros/ eras ab, und stimmt in gewisser Weise mit den südostgaskognischen Artikeln überein (z.B. er/ era/ es/ es im Aranesischen oder eth/ era/ eths/ eras im Cominges und Bearn). Auch den Artikel „es“ für Maskulin Plural, den man im Katalanischen der Balearen und Lleidas, aber auch im okzitanischen Aranesisch, findet, trifft man in manchen Teilen der Ribagorza an (z.B. es camins – die Wege). Allerdings ist er nicht normativ.
  • Typisch für das Aragonesische ist außerderm eine verstärkte Diphtongierung des kurzen lateinischen o und e zu [we], [wa], [je], [ja] oder [wo], oft auch dort, wo das Spanische nicht diphtongiert: noctem > nueit (span.: noche, Nacht), oculum > güello (span.: ojo, Auge), ferrum > fierro/ fiarro (span.: hierro, Eisen), pontem > puent/ puande (span.: puente, Brücke), locum > luego/ luogo (span.: luego, später), foliam > fuella (span.: hoja, Blatt).
  • Anders als die anderen romanischen Sprachen mit baskischen Substrat (Spanisch, Gaskognisch) verliert das Aragonesische das lateinische f- im Anlaut nicht: filium > fillo (span: hijo; gask.: hilh, Sohn).
  • Wie schon weiter oben erwähnt, werden die lateinischen -c’l-, -lj- und -t’l- zu [λ] (wie in den anderen romanischen Sprachen der Iberischen Halbinsel, außer Spanisch), während -ct- und -ult- zu [it] werden: acuclam > agulla (span.: aguja, Nadel), mulierem > muller (span.: mujer, Frau), multum > muit/ muito (span.: mucho, viel), factum > feito (span.: hecho, gemacht).
  • Was die Konjugation der Verben angeht, ist das Aragonesische teilweise sehr viel konservativer als das Spanische oder andere romanische Sprachen. So bleibt im Imperfekt das lateinische -b- immer erhalten: lat.: tenebas > tenebas (span.: tenías; port.: tinhas; kat.: tenies; frz.: tenais, du hattest), lat.: dicebat > diceba (span: decía; port.: dizia; kat.: deia, frz.: disait, er sagte). Formen wie heba, feba, veyeba, veniba oder ubriba hören sich für spanische Ohre zwar schrecklich an (auf Spanisch wäre es había, hacía, veía, venía und abría), aber so ist das halt. Auch manche Formen des Präsens Sujuntivo können jemandem aus Madrid ziemlich in den Ohren weh tun: haiga (gilt im Spanischen als falsch, aber wird von Leuten ohne richtige Schulbildung benutzt), veiga, vaiga. Hier eine Tabelle, um die aragonesische Konjugation besser zu verstehen:

Konjugation Aragonesisch "Fer" (machen)

Konjugation Aragonesisch "estar" (sein)

Ein Beispiel für dialektale Variation. Konjugation von „estar“ im Imperfekt Indikativ:conchugacion-dialectal-aragones

  • Das Aragonesische ist auch konservativer, was die Sonorisierung der stimmhaften intervokalischen Verschlusslaute (Okklusive) angeht. Im Spanischen wurde fast jedes lateinische -p-, -t- oder -k- zu -b-, -d- oder -g- (bestes Beispiel: apotheka > bodega, wahrscheinlich wegen des keltiberischen Einflusses). Im Aragonesischen sind die lateinischen Formen weiter verbreitet, wobei es regional auch zu Sonorisierungen kommen kann, die es im Spanischen nicht gibt: lacum > laco / lacuna (span.: lago/laguna; See, Bucht), capitia > capeza (span.: cabeza, Kopf), sapere > saper (span.: saber, wissen), rete > rete (span.: red, Netz), urticam > xordica (span.: ortiga, Brennnessel), status > estato (span.: estado, gewesen), lupum > lupo (span.: lobo, Wolf), partitus > partito (span.: partido, zerbrochen). Aber eben im Zentralaragonesischen auch: fuande statt fuent (Quelle, Brunnen), puande statt puent (Brücke), blango statt blanco (weiß), embolla statt ampolla (Blase), aldo statt alto (hoch) oder sendir statt sentir (fühlen). Diese Formen sind allerdings nicht normativ.

Das sollte für den Anfang reichen. Es wird deutlich, dass das Aragonesische sowohl Eigenschaften des Spanischen vereint (z.B. die Diphthongierung), als auch Eigenschaften des Okzitanischen – besser gesagt, des Gaskognischen – und des Katalanischen. Selbst kulturell stehen sich die Nordaragonesen und Gascogner ziemlich nah, was zum einen daran liegt, dass während der Reconquista viele Gascogner in Aragón siedelten, und zum anderen aber auch am jahrhundertelangen Austausch zwischen den Menschen, die auf der einen oder anderen Seite des Pyrenäenkamms lebten. So kommt es, dass die okzitanische Nationalhymne (je nach Region Se canta, Se chanta, Aquelas Montanhas, Aqueras Montanhas, Aqueres Montanhes oder La fònt de Nimes genannt) auch auf der aragonesischen Seite der Pyrenäen ein sehr bekanntes traditionelles Lied ist (Aqueras Montanyas, von Labordeta). Es mag sein, dass die Sprache im Mittelalter dem Katalanischen näher stand (da beide Sprachen Amtssprachen der Krone Aragóns waren), heute ist aber eine zweifelsfreie Zuordnung zum okzitano-katalanischen Zweig nicht mehr möglich. Daher ist der Status als Brückensprache wohl der geeignetste.

Zur soziolinguistischen Situation der Sprache muss man sagen, dass ihre Zukunft mehr als ungewiss ist. Sowohl die UNESCO als auch Ethnologue (Datenbank des ISL International, die alle Sprachen der Welt klassifiziert und ihre sprachwissenschaftliche Forschung dokumentiert) führen sie als eine vom Aussterben bedrohte Sprache (so wie hierzulande das Nordfriesische, das auch in etwa genauso viele Sprecher hat). Genaue Sprecherzahlen waren lange Zeit nicht bekannt, weshalb diese – je nach politischer Neigung – mit zwischen 5.000 und 60.000 angegeben wurden. Eine aktuelle Studie vom Equipo Euskobarometro für die Regierung Aragoniens (Estudio sociolingüístico de las hablas del Alto Aragón, Natxo Sorolla 2012) gibt uns jetzt endlich echte Zahlen: Von den 129.964 Befragten, gaben ca. 25.000 an, Aragonesisch zu sprechen, 13.000 von ihnen als erste Muttersprache. Das macht etwa 19% der ansässigen Bevölkerung aus. Bei den über 60-Jährigen gaben 24% an, Aragonesisch zu sprechen, während es bei den 15 bis 19-Jährigen nur 8,5% waren. Außerdem besitzen etwa 50.000 Menschen passive Kenntnisse der Sprache, d.h. sie verstehen sie, können sie aber nicht wirklich sprechen, geschweige denn schreiben. Da sich diese Studie allerdings nur auf die Region Alto Aragón (Norden der Provinz Huesca) beschränkt, hat man keine Daten über Aragonesisch-Sprecher, die nach Zaragoza oder andere größere Städte gezogen sind (bei der Landflucht, die Huesca erfahren hat, müssten das einige sein) und auch die Neofablants („neue Sprecher“) wurden nicht erfasst. Diese Neofablants, die aus unterschiedlichsten Gründen Aragonesisch gelernt haben und sich in Vereinen treffen, um die Sprache zu sprechen, konzentrieren sich meist auf Zaragoza und Teruel; Städte, in denen seit Jahrhunderten kein Aragonesisch mehr gesprochen wird. Für die gesamte aragonesische Sprachpolitik ist es symptomatisch, dass alles von Zaragoza aus entschieden wird, wo es nicht einen einzigen Muttersprachler gibt (außer natürlich Zugezogenen). Außerdem wird die Sprache – wie eigentlich alle Sprachen in Spanien – politisiert. Egal ob in Barcelona, Donostia-San Sebastian, Palma, León oder in Zaragoza, überall versuchen nationalistische Kräfte – rechts und links nationalistisch zu gleichen Teilen – sich die Sprachen zu eigen zu machen und sie für ihre politischen Ziele zu benutzen. Durch die Katalanophobie des Consello d’a Fabla, der Hauptakteur in der Standardisierung war, wurden tausende Sprecher einfach ignoriert, nur weil ihre Dialekte dem Katalanischen näher sind (mehr als die Hälfte der heutigen Sprecher sind Sprecher ostaragonesischer Dialekte). Dabei vergessen diese Leute, dass eine Sprache nur überlebt, wenn sie gesprochen wird. Und die Politisierung des Aragonesischen war angesichts der aktuellen Sprecherzahlen ein großer Fehler. Es bleibt zu hoffen, dass er noch berichtigt werden kann. Zumindest scheint es so, dass die jetzige Regionalregierung sich mehr darum bemüht. Dieses ganze hin und her muss endlich ein Ende haben. Wie kann es sein, dass für eine so kleine Sprache in wenigen Jahren drei unterschiedliche Orthographien erschienen sind? Jeder Verein, der sich für den Erhalt der Sprache einsetzt, sieht sich als offizieller Vertreter, obwohl ihn niemand dazu ernannt hat. Damit scheint Schluss zu sein. Zum ersten Mal in der Geschichte, hat die Regionalregierung eine eigene Abteilung für Sprachpolitik (Dirección General de Política Lingüística). Zudem sieht die jetzige Regierung für das Jahr 2017 u.a. vor, eine offizielle Sprachakademie einzurichten, die sich auch mit der Ausarbeitung einer allgemein gültigen Rechtschreibung und Grammatik beschäftigen soll (soll 2017 erscheinen). Außerdem sollen wohl mehr Schulen im Alto Aragón Aragonesisch als Schulfach anbieten (letztes Jahr waren es 26 Schulen, knapp 600 Kinder lernten Aragonesisch). Weil das Aragonesische traditionell in den Medien fast vollkommen fehlte (bis auf einzelne, sporadische Zeitungsartikel und Beiträgen im Lokalradio bzw. -fernsehen), soll ab 2017 auch ein Programm entstehen, das dann einmal pro Woche in den autonomen Medien (Aragón TV und Aragón Radio) ausgestrahlt wird. Solange man den Leuten vor Ort allerdings keine Perspektiven bietet, um auch weiterhin dort leben zu können, wird sich die Situation nicht verbessern. Es hilft ja nichts, wenn man versucht die Sprache zu retten, die Menschen aber wegziehen müssen, weil es dort keine ertragreiche Arbeit mehr gibt (die Region ist eh überaltert, teilweise sind nur knapp 8% der Bevölkerung unter 15 Jahre alt und über 35% über 65). Nichtsdestotrotz gibt es Hoffnung. Immer mehr Sprecher scheinen die Scham abzulegen, und fangen wieder an, Aragonesisch zu sprechen. Es gibt ein paar Musiker und Bands, die auf Aragonesisch singen (z.B. A Roda de Boltaña mit Baxando t’a escuela, Maria José Fernández mit Augua que amorta la set, Déchusban mit A falordia d’as zinglas, Prau mit Paretz crebadas, Mallacan mit Canta trista d’Irina oder die Gaiters de Chaca mit A Güega d’o Somport), es erscheinen Bücher (besonders Kinder- und Jugendbücher) auf Aragonesisch und im Parlament von Aragón hat zum ersten Mal ein Parlamentarier das Aragonesische benutzt, um seine Rede zu halten (hier). Wer sich Aragonesisch mal anhören möchte, kann das tun: hier eine kurze Geschichte einer Schülerin aus Bielsa (in Belsetán), hier eine Frau aus San Chuan de Plan (in Chistabín), hier mehrere Leute aus Bielsa (in Belsetán), hier welche aus Ansó (in Ansotano), hier die Geschichte einer Aragonesisch-Lehrerin im Tal von Benasc (in Benasqués) und hier mehrere Leute aus der Ribagorza (in Ostaragonesisch). So, ich glaub, ich hab jetzt alles, was mir wichtig war, erzählt. Ich hoffe, dass ich euch einen guten Einblick in diese Sprache geben konnte, da die Informationen auf Deutsch dazu halt eher rar sind. Im  Sinne von Ánchel Conte, einem der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller in aragonesischer Sprache, beende ich den Beitrag mit:

No deixetz morir a mía voz! 

(Lasst meine Sprache nicht sterben)

Andere Quellen/ Atres fonts:

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2 Gedanken zu “L’Aragonés – Das Aragonesische

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