Galicien

«Galicia, terra meiga», Galicien, das verwunschene Land. Es klingt nach einem billigen Klischee und doch ist es wahr; es kann dich für immer in seinen Bann ziehen. Dieses Stückchen Erde im Nordwesten Spaniens, bekannt für seine grünen Berge, wunderschönen Stränden und todbringende Wellen, für seine Hexen, die Gelassenheit seiner Bewohner und seine keltische Vergangenheit, ist für mich einer der schönsten Orte auf dieser Welt. Daher wird der Beitrag wohl länger werden, als die bisherigen :)

Galicien (gal.: Galiza / Galicia) ist heute eine Autonome Gemeinschaft Spaniens, ganz im Nordwesten der Iberischen Halbinsel, direkt „über“ Portugal. Das Land ist in vier Provinzen unterteilt (Lugo, Ourense, A Coruña und Pontevedra) und hat seine Hauptstadt in Santiago de Compostela, Wallfahrtsort und Endstation des Jakobswegs (Camino de Santiago). Zwar zählt die Region mit ihren 2,7 Mio. Einwohnern und einer Fläche, die der Brandenburgs entspricht, nicht unbedingt zu den bevölkerungsreichsten Autonomen Gemeinschaften Spaniens, aber die Bevölkerung ist sehr weitläufig zerstreut, was einen starken Kontrast zum Rest des Landes darstellt. Obwohl nämlich Galicien nur 5,8% der Gesamtfläche ausmacht, umfasst es mehr als die Hälfte aller Ortschaften in Spanien. So werden die vier Provinzen in 53 Comarcas unterteilt (entsprechen in etwa den deutschen Landkreisen), diese wiederum in 313 Concellos (span. Municipios, Gemeinden in Deutschland) und diese dann in 3.792 Parroquias (Pfarreien). Anders als in Deutschland, wo es unterhalb der Gemeinde keine weitere kommunale Selbstverwaltungseinheit gibt, haben die Parroquias in Galicien eigene Entscheidungskompetenzen. Die Parroquias werden nochmal in Aldeas oder Lugares (Dörfer oder Weiler) unterteilt, die teilweise nur aus ein paar Häusern bestehen, manchmal sogar nur aus einem Haus/Hof. So kommt man auf über 30.000 Ortschaften. Es wird angenommen, dass diese Art der Besiedlung noch von den Kelten stammt. So schrieb Castelao (einer der wichtigsten galicischen Schriftsteller, Denker und Begründer des galicischen Nationalismus) in seinem Werk „Sempre en Galiza„: «Die weit zerstreuten ländlichen Häuser bilden eine natürliche Gruppe von wenigen Einwohnern, die „lugar“ genannt wird. […] Die zerstreuten „lugares“ bilden eine Gruppierung, die „Parroquia“ heißt. Dieser Verbund entspricht dem alten keltischen Klan.» Zusätzlich zu den Ortschaften gibt es noch unzählige weitere Toponyme (geografische Bezeichnungen), sodass man schätzt, dass es alleine in Galicien zwischen 100.000 und 3 Mio. Toponyme gibt. Die Ortsnamen sind meistens präromanischen Ursprungs (z.B. Arzúa, Sillobre, Betanzos, Bergatiños, Noia, Tambre oder Dubra), lateinischen Ursprungs (z.B. Santiago de Compostela, Padrón, Vigo, Eiras oder Reboira) und germanischen Ursprungs (z.B. Baamonde, Baldomar, Gondomar, Filloi, Raxoi oder Mondariz). Es gibt zwar auch ein paar Namen arabischen (Alfoz, Almuíña oder Acea), fränkischen/französischen (Granxa, Temple) und spanischen/kastilischen (O Portazgo, Manzaneda) Ursprungs, es sind jedoch sehr wenige.

Der Großteil der Bevölkerung konzentriert sich auf die Westküste, da hier die Städte Vigo (ca. 295.000 Einwohner), A Coruña (ca. 243.000), Santiago (ca. 95.000), Pontevedra (ca. 82.000) und Ferrol (ca. 70.000) liegen. In den Provinzen A Coruña und Pontevedra leben etwas mehr als 2 Mio. Menschen, d.h. etwa 75 % der Gesamtbevölkerung Galiciens. Innerhalb Spaniens hat Galicien – wie Katalonien und das Baskenland – den Status einer „historischen Nationalität“ (nacionalidad histórica), da es eine kollektive sprachliche und kulturelle Identität hat, die es vom Rest Spaniens unterscheidet.

 

Über Kelten, Römer und Germanen bis zum Exodus:    Ein Einblick in die Geschichte Galiciens

Die ersten Spuren menschlicher Besiedlung in Galicien stammen aus der mittleren Altsteinzeit (vor etwa 300.000 Jahren) und bestehen aus verschiedenen Werkzeugen aus Stein, die man entlang der galicischen Küste gefunden hat. Aus der Zeit der Megalithkultur (6.000 – 2.000 v. Chr.) stammen viele Menhire, Dolmen (auch Antas oder Arcas genannt) und Mámoas (Grabhügel). Von den Mámoas selbst ist allerdingsMenhir Lapa de Gargantáns nicht mehr sehr viel übrig, da die meisten Gräber zwischen dem 17. und 20. Jhd. geplündert wurden. Die darunter liegenden Dolmen sind aber größtenteils erhalten (ca. 5.000 Stück), wenn auch nicht im besten Zustand, was u.a. an den sauren Böden liegt, aber auch an der Tatsache, dass die Menschen die Steinplatten als Baumaterial verwendeten. Dolmen sind auch ein wichtiger Teil der galicisch-keltischen Mythologie, so galten sie z.B. als Rückzugsorte für die Mouros (galicische Fabelwesen, die die Dolmen erbaut haben sollen), die unterhalb der Dolmen ihre Goldschätze versteckten. Das erklärt zumindest teilweise, warum die Dolmen geplündert wurden. Denn auch der König Felipe III. hat eine Mitschuld daran, weil er im Jahr 1609 n. Chr. dem Kleriker Vázquez de Orxas erlaubte, die alten Gräber zu öffnen und die darin vermuteten Goldschätze zu behalten.

Eine wichtige Epoche in der Geschichte Galiciens war die Zeit der keltischen Castro-Kultur (cultura castrexa). Sie begann wohl am Ende der Bronzezeit (ca. 900 v. Chr.) und endete im 1. Jhd. n. Chr. Benannt wurde diese Kultur nach ihren Siedlungen, den Castros, die meistens auf einem Hügel lagen und mit einem Steinwall befestigt waren. Kerngebiet der Castro-Kultur war Galicien und Nordportugal (bis zum Duero), allerdings finden sich auch im Westen Asturiens und Leóns Ruinen von Castros. Die Bevölkerung bestand aus Kelten, die in den vorherigen Jahrhunderten aus Mitteleuropa eingewandert waren. Sie lebten vor allem von der Landwirtschaft, der Viehhaltung und vom Fischfang, aber auch von der Jagd und dem Handel mit Erzen und Metallen. Die Gesellschaft war wohl zum einen matrilinear (die Frauen besaßen das Land, erbten und vererbten), aber zum anderen auch patriarchal, da die Männer in politisch-militärischen Belangen alle Macht inne hatten. Die kleinste soziale Einheit war der Klan, der aus miteinander verwandten Mitgliedern bestand, die aber nicht immer im selben Castro wohnten. Vielmehr waren die einzelnen Familien zerstreut in verschiedenen Castros, die dann einem Anführer (Princeps) unterstellt waren. Dieser Verbund wird als Centuria bezeichnet. Mehrere Centurien zusammen bildeten ein Populus (die Namen sind lateinisch, weil die Römer die ersten waren, die über die Struktur der unterworfenen Völker schrieben). Ein Populus hatte ein geografisch fest definiertes Gebiet mit einem Hauptort (Rumu genannt), in dem z.B. Handel betrieben wurde und wichtige politische und gesellschaftliche Bande beschlossen wurden (z.B. Eheversprechen). Diese Gliederung erinnert stark an die heutige Besiedlung Galiciens, die ich weiter oben beschrieben habe. Noch heute sind viele Ruinen der alten Castros erhalten, der bekannteste Galiciens – und die am besten erhaltene keltische Siedlung der Welt – ist der Castro de Santa Tegra bei A Guarda (an der Grenze zu Portugal). Es gibt Historiker die annehmen, dass die Kelten zu der Zeit eine Art kriegerische Aristokratie darstellten, während die Mehrheit der Bevölkerung – die nicht keltischen, sondern vorkeltischen Ursprungs war – den Kelten diente, das Land bestellte, etc. Aber beweisen kann man diese Vermutung nicht. Viel wahrscheinlicher ist es, dass es zur Vermischung kam, wie in Asturien. Auch waren die Kelten in Galicien kein einheitliches Volk, es gab dutzende Stämme (populi), die u.a. unterschiedliche Bräuche und Gottheiten hatten. So kannten die Römer im Gebiet der Castro-Kultur mindestens 48 verschiedene keltische Stämme.

Die Römer, die schon im 2. Jhd. v. Chr. fast die ganze Iberische Halbinsel unter ihrer Kontrolle hatten, taten sich schwer bei der Unterwerfung der Nordvölker. Sie gaben den Kelten im Nordwesten stammübergreifend den Namen Callaici (später Gallaeci, Gallaeker) und ihr Siedlungsgebiet nannten sie Gallaecia. Wie die Asturer und Kantabrer, waren auch die Gallaeker ein kriegerisches Volk, das starken Widerstand gegen die römische Besatzung leistete. So gelang es den Römern erst 19 v. Chr. die Region zu unterwerfen und ins Römische Reich zu integrieren. Die neu entstandene Provinz Gallaecia bestand zunächst aus zwei Gerichtsbezirken (Conventus iuridicus): Dem nördlichen Conventus Lucensis mit Hauptstadt in Lucus Augusti (dem heutigen Lugo, Galicien) und dem südlich Conventus Bracarensis mit Hauptstadt in Bracara Augusta (dem heutigen Braga, Portugal). Die neue Provinz entsprach ziemlich genau dem Siedlungsgebiet der Gallaeker, sie reichte von Galicien bis zum Duero im Süden (Norportugal) und umfasste auch die westlichen Teile Asturiens und Leóns. Im Jahr 214 n. Chr. wurde dann schließlich auch der Conventus Asturicensis (mit Hauptstadt in Astorga, León) in die Provinz integriert, sodass Gallaecia bis nach Kantabrien reichte. Durch das Anschließen weiterer Regionen, umfasste Gallaecia im 4. Jhd. n. Chr. die gesamte Atlantikküste des heutigen Spaniens.

Mit der Eingliederung ins Römische Reich begann auch die Romanisierung der Region und ihrer Bewohner. Anders als an der Mittelmeerküste, geschah das aber hier eher langsam. Es entstanden neue Städte, Verkehrswege, Brücken und die Minen wurden ausgebaut. Teil des Römischen Reiches zu sein, veränderte auch das Leben der Gallaeker. Da es nun nicht mehr nötig war, die Siedlungen zu beschützen, verließen viele Menschen die Castros, um in flachen, fruchtbararen Gebieten zu siedeln. Andere zogen in die Städte, wo sich sehr schnell eine lokale Elite herausbildete, die den Römern nacheiferte. Zum einen galten die Römer als feiner und kultivierter – was sie wohl ohne Zweifel auch waren – und zum anderen war es wichtig, die Römer zu beeindrucken, um so vielleicht das vollständige römische Bürgerrecht zu erlangen, das einem u.a. die Teilnahme an Wahlen erlaubte, aber auch andere Privilegien mit sich brachte. Die Oberschicht übernahm das Latein relativ schnell, das überall im Römischen Reich Amtssprache war, während die restliche Bevölkerung weiterhin das gallaekische Keltisch sprach. Viel weiß man nicht über das Gallaekische, da die meisten Quellen nur aus Grabschriften oder Personennamen bestehen. Allerdings steht fest, dass es eine festlandkeltische Sprache war, die mehr oder weniger eng mit dem Keltiberischen verwandt war. Die lateinischsprachige Oberschicht übte eine gewisse Vorbildfunktion aus, sodass das Latein langsam aber stetig immer weiter in die Landbevölkerung durchdrang. Viel schneller und tiefgreifender verlief dagegen die Christianisierung der Bevölkerung.

Selbst als das Römische Reich im 4. Jhd. zu zerfallen begann, sprachen längst noch nicht alle Teile der Bevölkerung Gallaecias Latein. Im Jahr 409 n .Chr. fielen die germanischen Sueben, Vandalen und Alanen (keine Germanen, sondern ein iranisches Volk aus dem Kaukasus) im Rahmen der Völkerwanderung in Hispanien ein, nachdem sie zuvor im Jahr 406 den Rhein überquert hatten (damalige Grenze zwischen dem Römischen Reich und Germanien) und Gallien geplündert hatten. Diese Völker teilten sich den Großteil Hispaniens untereinander auf: Die Sueben siedelten in Gallaecia und die Vandalen in der Baetica (Südspanien), während die Alanen u.a. Lusitanien besiedelten. Im Jahr 411 gründeten die Sueben auf dem Gebiet der römischen Provinz Gallaecia das Königreich der Sueben, dessen erster König Ermenrich (Hermerico) war. Das Königreich bestand von 411 bis 585. Während dieser Zeit dehnte sich sein Gebiet weiter aus (unter dem König Rechilan), schrumpfte allerdings auch wieder, da die Westgoten, die von den Franken aus Südfrankreich vertrieben worden waren, immer mehr Gebiete eroberten. Unter den Sueben etablierte sich das Latein als Sprache des Volkes, denn auch sie übernahmen das Vulgärlatein relativ schnell, sodass sie keinen großen Einfluss auf das lokale Volkslatein hatten. Außerdem waren es wohl auch nicht besonders viele Sueben (zwischen 20.000 – 35.000), die den etwa 600.000 Bewohner Gallaecias gegenüberstanden. Am größten war der suebischen Einfluss in den galicischen Toponymen (wie weiter oben beschrieben) und in Wörtern, die mit der Natur zu tun haben. So sind z. B. die galicischen Wörter laverca (germ.: lawarka, Lerche), meixengra (altnordisch: meisingr, Meise), maga (Eingeweide vom Fisch; germ.: magan, Magen) und brétema (Nebel; germ.: breþmaz, Atem/ Dampf) germanisch-suebischen Ursprungs. Während der Zeit des Königreichs der Sueben drang auch das Christentum immer weiter in alle Bevölkerungsschichten ein und vermischte sich dort mit lokalen paganischen/heidnischen Bräuchen. Dieser Synkretismus charakterisierte die galicische Landbevölkerung teilweise bis ins 20. Jhd.

Ende des 5. Jhd. kam es außerdem zur Einwanderung einer ungewissen Anzahl von romanisierten Britonen, die im Nordosten Galiciens siedelten. Wie ich im Beitrag über Asturien bereits erwähnt habe, flohen viele keltische Britonen aus Britannien, Britoniaals dort die Angeln, Sachsen und Friesen einfielen. Während diese Völker Großbritannien eroberten, wurde die einheimische keltische Bevölkerung – die zwar romanisiert war, aber immer noch Brittonisch (eine inselkeltische Sprache) sprach – an die britische Westküste gedrängt (Cornwall, Wales und Cumbria). Viele dieser Britonen flohen daraufhin in die heutige Bretagne, die ihnen ihren Namen und ihre Sprache (das Bretonische) verdankt. Es ist nicht ganz geklärt, ob die Britonen direkt von Großbritannien aus nach Galicien kamen oder ob sie von der Bretagne aus weiterreisten, Fakt ist jedoch, dass sie in Galicien siedelten. Der Kern ihres Siedlungsgebiets war die Küstenregion von Lugo (Mariña luguesa) und die Terra Chá, aber das Einflussgebiet erstreckte sich wohl von Ferrol bis zum Fluss Navia im Westen Asturiens. Im Jahr 569 wird zum ersten Mal das Bistum Britonia erwähnt, dessen erster Bischof der Britone Mahiloc war. Das Bistum Siedlungsgebiet der Britonenbestand bis zum 8. oder 9. Jhd., als der Hauptsitz in Santa Maria de Bretoña von den Normannen verwüstet wurde. Noch befindet sich die Forschung zu diesem Thema ziemlich am Anfang, besonders weil die Quellen rar sind. Daher kann man auch nicht mit Sicherheit sagen, welchen Einfluss die Britonen auf die Galicier hatten. Es ist jedoch anzunehmen, dass durch die erneute keltische Besiedlung im Norden, viele vergessene Traditionen und Bräuche erneut zum Vorschein kamen. Auch wenn das britonische Bistum im 9. Jhd. verschwand und zum Bistum Mondoñedo wurde, gibt es noch Quellen aus dem 13. Jhd., die die Britonen erwähnen. So wird z.B. in einem Manuskript aus dem Jahr 1233 (im Kloster Santa María de Meira) über eine Erbschaft in Castro de Rei (Terra Chá) geschrieben, dass sie „jenen Männern gehört, die Britonen genannt wurden und deren Frauen man ‹chavellas› nannte“ («et de hominibus illis qui vocabantur britones et biortos, et quantam habui de mulieribus que dicebantur chavellas», siehe Señorío de Santa María de Meira, S. 91, Dolores Mariño Veiras, 1983). Heute findet man nur noch einige Ortsnamen, die auf die damalige Bevölkerung hinweisen: Santa María de Bretoña, Bretoña, Bertoña und Bertonía.

Im Jahr 585 unterwarfen die Westgoten das Königreich der Sueben und integrierten das Gebiet in ihr Toledanisches Westgotenreich, mit Hauptstadt in Toledo. Während der Regentschaft der Westgoten setzte sich auch endgültig der Katholizismus durch, viel neues brachte sie Galicien aber nicht. Ende des 7. und Anfang des 8. Jhd. kam es zu Erbfolgekämpfen im Westgotenreich, die das Land ins Chaos stürzten. Im Jahr 711 landeten maurische Heere in Südspanien – von Gegner des Wesgoten-Königs Rodrigo und der zahlreichen jüdischen Bevölkerung unterstützt, die unter den Westgoten zwangsgetauft und diskriminiert wurden – und hatte bei der Eroberung der Iberischen Halbinsel dementsprechend ein eher leichtes Spiel. Innerhalb von 10 Jahren hatten die Mauren die gesamte Halbinsel unterworfen. Während das Westgotenreich verschwand, versuchten die Mauren ihre Macht auszubauen. Die besetzten Gebiete wurden Teil des Kalifats der Omayyaden, das vom Punjab (Pakistan/Indien), über Persien, Arabien, Nordafrika bis nach Al-Andalus (Hispanien) reichte. Nur der nördlichste Teil der Iberischen Halbinsel – der Heimat der Gallaeker, Asturer, Kantabrer und Basken – wurde nie wirklich unterworfen und war nie Teil von Al-Andalus  (Quellen: The History of the Mohammedan Dynasties in Spain, Al-Maqqari  17. Jhd, aus dem Arabischen übersetzt von Gayangos, 1843; und La Historia de la conquista de Al-Andalus, Ibn Al-Qutiyya, 8. Jhd.). Bereits 722 besiegte der erste König des neu geborenen Königreichs von Asturien, Don Pelayo, die Mauren bei der Schlacht von Covadonga (Asturien). Auch wenn anzunehmen ist, dass sich diese Schlacht nicht in dem Maße abgespielt hat, wie sie in der christlichen Geschichtsschreibung dargestellt wird (ein Heer von 187.000 Mauren wurde von 300 Asturern geschlagen; Crónica de Albelda, 881 n. Chr.), so stellte sie doch den Grundstein für die nun beginnende Reconquista dar.

Köngreich León im 10. Jhd.Schon im Jahr 740 war Galicien Teil des neuen asturischen Königreichs und entzog sich so dem muslimischen Einfluss. Kurz darauf wurde in Compostela das (mutmaßliche) Grab von Santiago el Mayor (Jakobus der Ältere, einer der zwölf Apostel Jesus) wieder entdeckt. Auf den Fundort wurde eine Kirche gebaut, die daraufhin zum Wallfahrtsort wurde (daraus entstand dann die heutige Hauptstadt Galiciens, Santiago de Compostela). Das Königreich Asturien wurde im Jahr 910 zum Königreich von León (Hauptstadt wurde von Oviedo nach León verlegt), wobei bis heute eigentlich nicht eindeutig geklärt ist, wie das Königreich tatsächlich hieß, weil in vielen zeitgenössischen Quellen (von arabischer Seite) der gesamte Nordwesten der Iberischen Halbinsel Gallaecia genannt wurde (so lag León laut Muhammad al-Idris im Gebiet von Gallaecia) und die jeweiligen Könige auch „von Galicien“ hießen und nicht „von León“ (z.B. Radmin de Galicia und nicht Ramiro II de Asturias y León, in „Historia de la Dominación de los Árabes en España„, 2. Band, Kapitel 78; José Antonio Conde, 1820).

Ab 910 waren das Königreich Galicien und das Königreich León unter einem König vereint, behielten aber ihre Königreiche, Gesetze, Grenzen (inkl. Grenzkontrollen und Zölle) bei. Die folgenden 200 Jahre waren geprägt von der Reconquista, aber auch von Kämpfen zwischen den jeweiligen christlichen Königreichen in Nordspanien. Je weiter die Reconquista vorrückte, desto weiter rückten auch die romanischen Sprachen gen Süden. Das Gebiet zwischen den christlichen Königreichen und dem Kalifat von Córdoba war entvölkert und verwüstet, sodass man dort Christen aus dem Norden ansiedelte (repoblación – Wiederbesiedlung). Im Königreich Galicien, das zwischendurch immer wieder mal unabhängig war und eigene Könige hatte (Ordoño II, Sancho Ordóñez und García), entstand die galicische Sprache. Bis zum Ende des 11. Jhd. erstreckte sich das Königreich Galicien (wenn auch als Teil der leonesischen Krone) von Nordgalicien bis nach Coimbra im Süden. Das Gebiet zwischen dem Miño und dem Duero (bei Porto) – ab 1095 das Gebiet zwischen dem Miño und Coimbra – war das Gebiet der Grafschaft Portucale, die sich im Jahr 1139 vom Königreich León loslöste und zum unabhängigen Königreich Portugal wurde. So schrumpfte das Königreich Galicien auf seine heutige Größe.

Seine Blütezeit hatte das Königreich Galicien zwischen zwischen dem 12. und Anfang des 13. Jhd.: Der Jakobsweg wurde zu einem der wichtigsten Pilgerwege des Christentums und zum bedeutendsten Kommunikationsweg zwischen Europa und dem Königreich. Außerdem brachte er Einnahmen und ermöglichte einen regen kulturellen Austausch. Zwar vereinten sich die Königreiche León (inklusive Galicien) und Kastilien im Jahr 1230 endgültig, aber das hatte erstmal keine Auswirkungen auf das kulturelle Leben in Galicien. Zu dieser Zeit tauchen auch die galicischen und portugiesischen Trobadores auf, inspiriert von den okzitanischen Trovadors in Südfrankreich, und bringen mit ihrer Lyrik die galicisch-portugiesische Sprache an alle königlichen Höfe Westeuropas. Doch ab dem 14. Jhd. wird das Königreich Kastilien immer mehr vom Zentralismus geprägt. Alles wird durch und von Kastilien aus regiert. Das Kastilische wird zur Schriftsprache im ganzen Königreich und verdrängt alle anderen Sprachen. In Galicien wird der alteingesessene, galicischsprachige Adel, aber auch die Bischöfe etc., durch eine kastilische, spanischsprachige Elite ersetzt.

Das 15. Jhd. war besonders von Konflikten und Kriegen gezeichnet. Während des 14. Jhd. war in Galicien ein gewalttätiger Adel aufgetaucht, der durch die isolierte Lage Galiciens unglaublich viel Macht inne hatte und deshalb dem kastilischen König Enrique II de Castilla ein Dorn im Auge war. Diese Feudalherren griffen die galicischen Institutionen an, zerstörten Kirchen, enteigneten den Kleinadel und malträtierten Bauern und einfache Bürger. Dadurch entstanden soziale Unruhen, die im 15. Jhd. in den beiden Irmandinischen Kriegen mündeten (Guerras Irmandiñas). Bauern, Bürger und der Kleinadel organisierten sich in Irmandades (Bruderschaften) und begannen im Jahr 1431 den ersten Krieg (Irmandade Fusquenlla) gegen die Familien Osorio in Lemos und Sarria, Andrade in Pontedeume und weitere Familien in ganz Galicien. Sechs Jahre später wurde der Aufstand niedergeschlagen. 1467 begann der zweite Krieg, auch Großer Irmandinischer Krieg genannt (Gran Guerra Irmandiña), der anfänglich von Kastilien unterstützt wurde, um sich vom galicischen Adel zu entledigen. Aufgrund der Beteilung weiter Bevölkerungsteile (bis zu 80.000 Kämpfer) wird er als Bürgerkrieg eingestuft und gilt als eine der größten Revolten im Europa des 15. Jahrhunderts. Der Adel floh nach Portugal und Kastilien und kehrte im Jahr 1469 mit deren königlichen Heeren als Unterstützung zurück, um die Irmandiños vernichtend zu schlagen. Während des Kriegs zerstörten die Irmandiños etwa 130 Burgen und Herrenhäuser des verhassten Adels, der bald nach Kriegsende wegen dynastischer Streitereien aus Galicien verschwand.

Im Jahr 1492 war mit der Eroberung des Emirats von Granada (auch Nazridisches Königreich Granada genannt, Emirato de Granada/ Reino nazarí de Granada) die Reconquista abgeschlossen. Im selben Jahr betrat Columbus zum ersten Mal amerikanischen Boden und die „Katholischen Könige“ (Isabel de Castilla und Fernando de Aragón) beschlossen mit dem Alhambra-Edikt die Vertreibung von ca. 200.000 spanischen Juden (sefardíes, Sepharden). Bald darauf bekam das Königreich Galicien seinen eigenen kastilischen Virrey (Vizekönig, der Vertreter des kastilischen Königs in Galicien), wie die amerikanischen Kolonien. Damit endet die sogenannte „doma y castración de Galicia“ (Bändigung und Kastration Galiciens), eine Strafe dafür, im kastilischen Erbfolgekrieg die Thronfolgerin Juana unterstützt zu haben und nicht, die als Siegerin hervorgehende, Isabel. Nun beginnen für Galicien die „Séculos Escuros“ (dunklen Jahrhunderte), die im 16. Jhd. beginnen und im 18. Jhd. enden. In dieser Zeit ist das Galicische vollständig aus der Literatur und Kultur verschwunden. Der Machtverlust des Königreichs Galicien und das Verschwinden der galicischen Sprache aus der Literatur geht einher mit dem Siglo de Oro im Rest Spaniens, dem Goldenen Zeitalter (1550 – 1680), während dem Spanien an Macht innerhalb Europas gewinnt und die spanische Sprache eine Blütezeit in der Literatur erlebt. Dies lag besonders daran, dass Sevilla der Handel mit Amerika vorbehalten war, sodass Galicien (neben anderen spanischen Regionen) aus dieser neuen Geldquelle ausgeschlossen wurde. Zu dieser Zeit lebten nur etwa 7% der Bevölkerung Galiciens in Städten, Ferrol war mit 25.000 Einwohner die größte Stadt. Das kann wohl dazu beigetragen haben, dass sich die galicische Sprache trotzdem halten konnte, da sie die einzige Sprache der Landbevölkerung war, während der Adel und die Kirche Spanisch bevorzugten.

Aufgrund des aus Amerika importierten Mais und der Kartoffel, die in Galicien extrem gut gediehen, übermäßig gute Ernten hervorbrachten und die Kastanien als traditionelles Nahrungsmittel ablösten, verdoppelte sich die Bevölkerung Galiciens zwischen dem 16. und 18. Jhd. Allerdings wurden die alten Technologien beibehalten, was besonders ab dem 19. Jhd. immer wieder zu Hungersnöten führte. Ein wichtiger Grund dafür, dass die galicische Landbevölkerung schon immer ziemlich arm war, waren die „foros“, eine Art langfristiger Vertrag (meist über drei Generationen) zwischen dem Landbesitzer (Adel oder die Kirche, mit den Fidalgos, dem Kleinadel, als Mittelsmännern) und dem Landnutzer. Die Foros erlaubten den galicischen Bauern zwar, das Land zu bestellen, zwangen sie aber gleichzeitig auch, große Teile der Ernte oder Geldbeträge an die Besitzer abzugeben. Außerdem war es ihnen nicht erlaubt, sich aus diesem Vertrag zu befreien oder dem Besitzer das Land abzukaufen. Um mehr Geld zu machen, wurden die Ländereien oft noch weiter zerteilt, sodass die Anbaufläche, die ein Bauer für sich und seine Familie zur Verfügung hatte, immer weiter schrumpfte. Dieses System, von dem 90% der Anbauflächen betroffen waren, bestand seit dem Mittelalter und wurde erst im 20. Jhd. abgeschafft, indem das Land größtenteils an die Bauern vergeben wurde. Aber auch die traditionelle Art, das Land Minifundismozu vererben (zu gleichen Teilen unter den Erben aufteilen), führte dazu, dass sich die individuelle Anbaufläche immer weiter verkleinerte (minifundismo). Das Konzept des minifundismo (Kleineigentum) in Galicien wird oft kritisiert, weil es unglaublich viele Landbesitzer gibt (es gibt allein 600.000 Waldbesitzer), die aber mit dem Land nichts anfangen können, da es zu klein ist und es dadurch brach liegt. Besonders bei verlassenen Wald-Parzellen, bei denen sich das Abholzen für Holz- bzw. Papiergewinnung nicht lohnt, hat es schlimme Folgen, da sich Brände, aufgrund des verwilderten Bodens (besonders mit Toxo, Stechginster, bewachsen), viel schneller ausbreiten können. Normalerweise sind die Parzellen annähernd quadratisch, es gibt aber auch Orte, wo man aus dem Verteilen der Grundstücke eine wahre Kunst Minifundismo bei Tuigemacht hat: In Tui gibt es z.B. Parzellen, die zwar 400m lang, aber nur knapp 1,30m breit sind. Allerdings hat der Minifundismo auch etwas positives, denn dadurch, dass fast jede Familie Galiciens irgendwo ein Stück Land hat, kam es in Galicien seltener zu großen Hungersnöten. Auch in der heutigen Krise hilft es vielen Familien, ihre eigene Nahrung anbauen zu können, besonders wenn man aus allen staatlichen „Auffangnetzen“ geflogen ist.

MassenauswanderungEnde des 19. Jhd. kam es zu einer Agrarkrise, was endgültig zu einer Massenauswanderung führte. In der zweiten Hälfte des 19. Jhd. verließen ca. 900.000 Galicier das Land und versuchten ihr Glück in Südamerika (vor allem Argentinien, Brasilien und Venezuela). Zeitgleich mit dem Exodus kam es zum Rexurdimento (Wiederentdeckung) der galicischen Sprache. Nach drei Jahrhunderten, in denen das Galicische von der öffentlichen Bildfläche verschwunden war, kehrte es von den Straßen und Wohnzimmern zurück in die Literatur und in die Kultur (Cantares gallegos von Rosalía de Castro, 1868). Dazu mehr hier. Das 20. Jhd. begann gut für Galicien. Die Foros wurden abgeschafft, was die Bevölkerungsstruktur Galiciens ziemlich veränderte: Lebten 1900 nur 9,9% der Bevölkerung in Städten, waren es 1930 „schon“ 13,5%, und während 1900 noch 86% von der Landwirtschaft lebten, waren es 1930 noch etwa 65%. Es hatte erste Modernisierungen in der Landwirtschaft gegeben und in zahlreichen Städten hatten sich die ersten Fabriken angesiedelten. Doch das politische Klima in Spanien war angespannt. Die Karlisten-Kriege im 19. Jhd. hatten das Land gespalten und die Institutionen geschwächt, sodass mit einem Militärputsch im Jahr 1923 die Diktatur von Primo de Rivera begann, die 1931 mit dem Ausrufen der 2. Spanischen Republik endete. Während der Republik erlangten Galicien und andere Regionen viele Rechte zurück, die sie während der letzten Jahrhunderte verloren hatten; allerdings bekam es kein Autonomiestatut, weil die rechts-konservativen Karlisten an die Macht kamen, bevor es durchgesetzt werden konnte. Während des von 1936-1939 dauernden Spanischen Bürgerkriegs fiel Galicien sehr früh in die Hände der Putschisten von General Franco (in Ferrol geboren). Hier gab es keinen Bürgerkrieg, sondern es wurden gezielt republikanische und linke Bürgermeister, emigracionÄrzte, Gewerkschaftler etc. ermordet (insgesamt 4.700). Auch hier war der Staatsterror nach Kriegsende besonders heftig, vor allem, weil hier nicht Spanisch gesprochen wurde. Im 20. Jhd. verließen nochmal fast 1 Mio. Menschen Galicien, bis 1960 vor allem in Richtung Südamerika, ab 1960 überwiegend nach Europa (Deutschland, Frankreich, Schweiz) und andere, wirtschaftlich stärkere Regionen Spaniens (vor allem Katalonien, Madrid und Baskenland).

Natürlich kehrten auch viele Galicier zurück in ihre Heimat. Die, die in Amerika zu Geld gekommen waren, kehrten im 19./20. Jhd. als „Indianos“ zurück nach Galicien und halfen u.a. beim Aufbau der Infrastruktur in ihren Heimatdörfern. Die, die als Gastarbeiter nach Deutschland und in die Schweiz kamen, kehrten auch größtenteils ab 1980 in ihre Heimat zurück. Andere unterstützten ihre Familien vom Ausland aus. In Buenos Aires sollen damals über 150.000 Galicier gewohnt haben, weshalb es lange Zeit als Galiciens zweitgrößte Stadt galt (noch heute sprechen manche von Argentinien als Galiciens 5. Provinz). Und obwohl alle Galicier, die ihre Land verließen, mit der Hoffnung weggingen, bald wiederkehren zu können (z.B. ein Zitat von Castelao, der in Argentinien im Exil war: «[…] pois se os camiños nos tentan a camiñar é porque deixamos unha luz acesa sobor da casa en que fomos nados, e ali nos agarda o fin da vida.» und wenn uns die Wege in die Versuchung führen, wegzugehen, so ist es nur, weil wir ein Licht in dem Haus anlassen, in dem wir geboren wurden und dort uns unser Lebensende erwartet), schafften es nur die wenigsten. Auch die Krise, in der Spanien seit 2008 steckt, hatte große Auswirkungen auf die Bevölkerung Galiciens: Seit 2008 haben ca. 160.000 Menschen Galicien verlassen, entweder um es in anderen spanischen Regionen zu versuchen (60%) oder um ihr Glück im Ausland zu suchen (40%). Folglich ist das Leben in Galicien von einem ständigen Kommen und Gehen geprägt. Noch heute gibt es etwa 500.000 Galicier, die im Ausland gemeldet sind (die Zahl der nicht gemeldeten soll bis zu 3 Mio. betragen) und man nimmt an, dass etwa 10 Mio. Menschen auf der Welt galicischer Abstammung sind. So haben auch berühmte Personen wie Martin Sheen und sein Sohn Charlie Sheen (ihr eigentlicher Nachname ist Estévez), Perez Hilton (sein Nachname ist Lavandeira), Fidel Castro, Julio Iglesias, Carlos Baute (venezolanischer Sänger), Nicki Lauda (sein Großvater väterlicherseits, Juan Lauda Crespo, kam aus Ourense), Michail Gorbachow (sein Großvater soll Antón Corbacho gewesen sein, der nach Russland einwanderte), Manu Chao (sein Vater, Ramón Chao Rego ist aus Vilalba), der Fußballspieler Fernando Torres (sein Vater ist aus Boqueixón) und der uruguayische Präsident Tabaré Vázquez galicische Vorfahren.

Fjorde, Gebirge, Steilküsten und Wälder

Galiciens Oberfläche ist geprägt von Bergen. Besonders im Osten ist Galicien durch bis zu 2.200m hohe Gebirgsketten vom Rest Spaniens abgeschottet (Serra dos Ancares, Serra do Eixo, Serra do Courel und O Macizo Ourensán). Im Landesinneren werden die Erhebungen aber niedriger und werden von unzähligen kleinen Flüssen durchzogen. Es ist eine sehr sanfte Landschaft, nur ab und zu unterbrochen von Siedlungen oder Kleinstädten. Die größten Flüsse sind der Miño und der Sil, letzterer zieht sich in der Ribeira Sacra durch tiefe Canyons (Canóns do Sil), die mit ihrer wilden Ursprünglichkeit stark im Kontrast zur restlichen Landschaft stehen. Die Berge sind von Wäldern übersät, hauptsächlich Esskastanien- (castiñeiros/soutos), Eichen- (carballeiras), Erlen- (amieirais), Eschen- (freixeiros) und Birkenwäldern (bidueirais). Die Bäume und Felsen in diesen Wäldern sind aufgrund des feuchten Klimas oft mit Moos überwachsen, was zusammen mit dem häufigen Nebel eine sehr mystische Stimmung erzeugt.

Doch am verbreitetsten ist mittlerweile der Eukalyptus. Jener Baum, der von den Koalas in Australien so geliebt wird, wird in Galicien von weiten Teilen der Bevölkerung gehasst. Über 400.000 ha Land sind schon von Eukalyptus bewachsen, vor allem an der Westküste. Grund hierfür waren zum einen die Umstellung von Pinien auf Eukalyptus zur Wiederaufforstung während der Franco-Diktatur und die Subventionen, die die Landbesitzer dafür bekamen. Zum anderen ist der Eukalyptus in der Papierindustrie ein sehr beliebter Baum, da er sehr schnell wächst (fast 30m in zehn Jahren) und viele Erträge bringt. Dies führte dazu, dass immer mehr Leute Eukalyptus anpflanzten, ohne Rücksicht auf die Folgen zu nehmen. Eukalypten ziehen sehr viel Wasser aus den Böden, sodass unter ihnen nichts mehr wächst. Das führt zum Artenrückgang der Flora, aber auch der einheimischen Tierwelt, da das gesamte Ökosystem damit verändert wird. Außerdem fördern das leicht entflammbare Holz und die brennbaren Öle das schnelle und unkontrollierte Ausbreiten von Waldbränden, die für den Eukalyptus jedoch – anders als bei einheimischen Arten – keine negativen Folgen haben, sondern ihm eher bei der Fortpflanzung unterstützten, da dadurch die Samenschalen aufplatzen. Aber trotz des Eukalyptus-Booms konnten sich viele ursprüngliche Wälder in Galicien halten. Diese Fragas genannten Urwälder sind zwar oft klein und sehr schwer zugänglich, bewahren aber gerade deshalb eine unglaublich hohe Artenvielfalt. Beispiele für diese Wälder sind z.B. die Fragas do Eume (in Pontedoeume, A Coruña), die Fraga de Catasós (Lalín, Pontevedra), die Fragas do Mandeo (Betanzos, A Coruña) oder die Fraga da Marronda (Baleira, Lugo).

Die Küste Galiciens erstreckt sich mit einer Gesamtlänge von etwa 1600km im Norden entlang des Kantabrischen Meers und im Westen entlang des Atlantischen Ozeans. Charakteristisch für die galicische Küstenlinie sind die Rías, fjordähnliche tief ins Land eindringende Meeresbuchten, die ihren Ursprung allerdings im Gegensatz zu Fjorden nicht im Abschmelzen von Gletschern, sondern eher in überfluteten Flussbetten haben. Daher sind sie auch nicht annähernd so tief wie Fjorde (70m in den Rías, bis zu 1.300m in den norwegischen Fjorden). Dabei unterscheidet man zwischen den Rías Altas im Norden, die sich zwischen Ribadeo und A Coruña befinden (z.B. Ría de Viveiro, Ría de Ortigueira, Ría de Ferrol), und die Rías Baixas im Westen, die von Finisterre bis nach Vigo reichen (z.B. Ría de Muros e Noia, Ría de Arousa, Ría de Vigo). Kennzeichnend für die Rías Altas ist die hohe felsige Steilküste. Hier, in der Nähe vom Kap Cabo Ortegal, befinden sich die höchsten Kliffs (cantís) Kontinentaleuropas, von denen man bei Vixía Herbeira aus einer Höhe von knapp 620m auf die tosende Brandung gucken kann. Die Rías Baixas dagegen laufen eher sanft ins Meer, weshalb sich hier auch die bekanntesten Strände Galiciens befinden. Die größte Ría ist die Ría de Arousa, mit einer Länge von 37km. Zwischen den Rías Altas und den Rías Baixas befindet sich ein Küstenabschnitt, der es in sich hat: Die Costa da Morte (Todesküste).

Die Costa da Morte erstreckt sich zwischen dem Kap von Finisterre (Cabo Fisterra) und Malpica de Bergantiños und ist wohl einer der wildesten Küstenabschnitte der Iberischen Halbinsel. Den Namen gaben ihr englische Seefahrer im 14. Jhd., da es hier wegen der schwierigen Bedingung immer wieder zu Schiffbrüchen mit zahlreichen Toten kam: Allein zwischen Camelle und Camariñas (nur etwa 6 km voneinander entfernt) gab es in 100 Jahren über 60 Unglücke. So sanken im Jahr 1596 25 Schiffe der Spanischen Armada, wobei über 1.700 Menschen starben. Im Jahr 1872 sank die englische HMS Captain und über 800 Menschen starben. Der letzte große Schiffsbruch mit mehr als 100 Toten war die englische HMS Serpent im Jahr 1890 (172 Tote). Das Meer ist hier besonders tückisch, seine Untiefen machen es schwer befahrbar, und die häufigen Stürme (hier ein kleines Video mit dem treffenden Titel „Idiots in a storm“), nebligen Tage und Nächte tun ihr übriges. Und doch ist diese Küste für mich eine der schönsten der Welt. Die unbändige Kraft, mit der die manchmal über 15m hohen Wellen auf die Steilküste treffen, das saftige Grün der bis ans Meer reichenden Hügel, die kleinen ruhigen Buchten und die spektakulären Sonnenuntergänge sind einfach beeindruckend. Doch nicht zuletzt sind es auch die Menschen und die eigene Gefühlslage, die einen Ort zu etwas besonderem machen.

Neben der Steilküste gibt es natürlich auch viele wunderschöne Strände in Galicien (über 700). Bekannte Strände im Norden sind z.B. die Praia das Catedrais (bei Ribadeo, Lugo), die Praia de Covas (in Viveiro, Lugo), die Praia de Xilloi (O Vicedo, Lugo) und die Praia de Doniños (Ferrol, A Coruña). Die meisten Strände befinden sich aber an der Westküste, an der Costa da Morte und den Rías Baixas.

Da es zu viele sind, um sie hier aufzuzählen, möchte ich nur vier der Strände erwähnen, die ich am schönsten finde. Zum einen ist da die Praia Area Maior zwischen Muros und Carnota (A Coruña). Im Hintergrund ragt der Monte Louro in die Höhe und hinter dem weißen Sandstrand befindet sich die unter Naturschutz stehende Lagune Lagoa das Xarfas. In Fisterra befindet sich der Strand Praia de Langosteira, ein über 2km langer weißer Sandstrand, direkt am „Ende der Welt“. Ein weiterer toller Strand liegt in Baroña (Porto do Son). Das, was den Strand einzigartig macht ist weniger der Strand an sich, sondern seine Umgebung: Direkt nebenan thronen die Ruinen vom Castro de Baroña auf einer kleinen Halbinsel und bildet so eine beeindruckende Kulisse. Zu guter letzt muss natürlich auch der Strand Praia de Rodas auf der nördlichen Insel der Illas Cíes bei Vigo erwähnt werden, der 2007 vom The Guardian zum schönsten Strand der Welt erklärt wurde. Mit seinem weißen Sand und kristallklarem, türkis-blauem Wasser scheint das auch mehr als gerechtfertigt.

Zum Schluss möchte ich noch die vielen Wasserfälle erwähnen. Aufgrund der zahlreichen Bäche und Flüsse und dank des gebirgigen Reliefs Galiciens, gibt es unglaublich viele Wasserfälle. So viele, dass fast jede Region einen eigenen Namen für sie hat. Während man im Deutschen eigentlich nur das Wort „Wasserfall“ kennt, von Kaskade mal abgesehen, kennt das Galicische mindestens 15 Wörter, darunter fervenza, cachoeira, chorreira, fecha, cadoiro, ruxidoira, cenza, salto, seimeira und abanqueiro. Das ist aber nicht verwunderlich  bei einer Sprache, die über 100 Wörter für „Regen“ kennt. Der höchste Wasserfall Galiciens ist mit über 60m die Fervenza do Toxa (Silleda, Pontevedra), von wo aus man auch weiter wandern kann, um das Kloster Mosteiro de Carboeiro zu besichtigen, ein schönes Kloster aus dem 10. Jhd. Der beeindruckendste Wasserfall ist jedoch die Fervenza do Ézaro (auch O Cadoiro oder Fervenza do Xallas genannt) bei O Ézaro (Dumbría, A Coruña). Hier mündet nämlich der Fluss Xallas – als einziger Fluss Europas – direkt über einen Wasserfall ins Meer.

Von Hórreos, Pazos, Cruceiros und Meigas: Ein Teil galicischer Kultur

Wenn es etwas gibt, was jedem, der Galicien besucht, sofort auffallen wird, sind es die Hórreos, die man in jedem noch so kleinen Dorf findet. Hórreos sind traditionelle, langgestreckte Kornspeicher – je nach Region entweder aus Stein, Holz oder gemischt – die auf einer großen Steinplatte stehen, die wiederum entweder auf Steinsäulen (esteos), Mauern (cepas) oder einem Unterbau aus Stein (celeiro) steht. Dabei muss die Steinplatte überstehen, damit keine Nagetiere hochklettern können. An jedem Ende des Dachs findet man normalerweise Ornamente, entweder Kreuze oder pyramidenförmige Obelisken, die die Fica (ein keltisches Fruchbarkeitssymbol) repräsentieren und die Ernten beschützen sollen. Regional werden bis zu 20 unterschiedliche Hórreo-Typen unterschieden (z.B. fisterrán, bergantiñán, vilalbés, mariñán, palleira, cabazo oder tudense). Der Grund, weshalb heute die meisten Hórreos so gut erhalten sind, obwohl sie oft nicht mehr benutzt werden, ist, dass die Galicier ihre Hórreos lieben, und dieses wichtige Kulturgut so gut wie möglich pflegen.

Um einiges seltener als Hórreos, dafür aber um einiges imposanter, sind die Pazos, die ihren Ursprung in mittelalterlichen Burgen haben. Pazos sind große palastähnliche Gutshäuser, die zwischen dem 16. und 18. Jhd. erbaut wurden (manche Türme stammen allerdings aus dem 13. Jhd.). In ihnen wohnten die Fidalgos (der Kleinadel), die hauptsächlich durch das Eintreiben der Foros zu ihrem Reichtum gekommen waren. Heute sind die meisten immer noch in privatem Besitz, einige kann man besuchen und andere wurden zu Casas Rurales (Landhäuser mit Pension) oder Hotels umfunktioniert. Neben den Pazos gibt es auch noch sehr viele alte Wassermühlen (muíños), die man an jedem kleinen Bach finden kann. Im kleinen Dorf A Ponte Maceira (bei Negreira) findet man alles an einem Ort: Eine mittelalterliche Brücke (aus dem 13. Jhd.), alte Steinhäuser mit Hórreos und Pombais (Taubenschlägen), alte, aber restaurierte, Mühlen am Fluss Tambre und einen Pazo, der über das Geschehen am Fluss wacht.

Auch die weiter oben erwähnten Castros gehören zur kulturellen Landschaft Galiciens dazu. Man findet sie an der Küste, im Innenland, auf Hügeln, auf Plateaus….eigentlich überall dort, wo man einen guten Überblick hatte. Es gibt aber zwei Dörfer in den Bergen der Serra dos Ancares, wo man bis heute diese alte keltische Bauart beibehalten hat. Die Pallozas, wie man diese Häuser mit Strohdächern nennt, findet man zwar auch im Westen von Asturien und León, aber in Piornedo und O Cebreiro sind sie wohl am besten erhalten bzw. restauriert.

Die Cruceiros, von denen es in Galicien über 12.000 gibt, stellen ein weiteres wichtiges Kulturgut Galiciens dar. Cruceiros sind hohe steinerne Wegkreuze, die vor allem an Wegkreuzungen, aber auch an Wegrändern, Dorfplätzen und vor Kirchen stehen. Meistens stehen sie auf einem massiven Steinsockel und sind reich verziert. Andere bestehen nur aus einem nüchternen Kreuz. Sie stehen teilweise schon über 700 Jahre an den Plätzen, an denen sich Hexen trafen, Verbrechen geschahen oder Wunder stattgefunden haben. Sie stehen daher zum einen für den stark verwurzelten Katholizismus der galicischen Landbevölkerung, zum anderen aber auch für die Mischung von katholischen Symbolen und Riten und heidnischen/keltischen Legenden. Es sind magische Orte, an denen einem immer ein bisschen Ehrfurcht überkommt. Auch in der galicischen Mythologie spielen die Cruceiros eine wichtige Rolle. So glaubte man (und noch heute erzählen viele davon), dass man sich vor der Santa Compaña retten kann, indem man Zuflucht auf dem Sockel eines Cruceiros sucht. Die Santa Compaña ist eine Prozession von Toten und ruhelosen Seelen, die durch die Dörfer ziehen und den Tod eines Bekannten ankündigen. Trifft man auf sie hat man mehrere Möglichkeiten: Entweder einen Drudenstern (Pentagramm) auf den Boden zu zeichnen und sich rein zu legen oder eben zu einem Cruceiro zu laufen. Hauptsache man nimmt nichts von der Prozession an (Kerzen etc.), da man sonst dazu verdammt ist, bis an sein Lebensende mit dem Zug mit zu laufen.

Galicien ist ein magisches Land, ich wahrsten Sinne des Wortes. Das keltische Erbe ist in vielen Regionen immer noch sehr präsent. So gibt es immer noch Kulte um Steine, Wasser und Bäume. Gewissen Steinen werden heilende Kräfte nachgesagt (z.B. die Pedra de Abalar oder Pedra dos Cadrís in Muxía), unfruchtbare oder kinderlose Frauen sollen am letzten Samstag im August im Meer an der Praia da Lanzada (O Grove/Sanxenxo) baden und um Mitternacht über neun Wellen springen, um schwanger zu werden, und manche Bäume gelten als heilig, wie z. B. die Eichen (carballos). Anderen Bäumen wird ein „schlechter Schatten“ nachgesagt, d.h. wenn man unter ihnen schläft kann man krank werden. Zu diesen zählen z. B. die Walnussbäume (nogueiras) oder die Esskastanien (castiñeiros). Letzerer hatte bis ins 18. Jhd. allerdings eine sehr wichtige Rolle inne, schließlich waren Maronen bis zur Einführung der Kartoffel und des Maises das Grundnahrungsmittel der galicischen Landbevölkerung.

Aber auch die Mystik spielte einst eine große Rolle, und noch heute gibt es Menschen, die daran glauben oder eigene Erfahrungen damit gemacht haben sollen. Wichtige Wesen der galicischen Mythologie sind die Santa Compaña, die Trasnos (kleine Kobolde), die Lavandeiras (verzauberte Wäscherinnen) und die Meigas. Die Meigas, auch manchmal Bruxas genannt, sind Hexen, von denen man sagt, dass sie von den Druiden abstammen. Ihnen werden besondere Fähigkeiten und dunkle Kräfte nachgesagt, die sie entweder für gute oder für böse Zwecke einsetzen können. Die Meigas vereinen den galicischen Synkretismus zwischen katholischem Glauben und keltischer Spiritualität zur Perfektion. So wurden an vielen Kultstätten, wo die Hexen früher ihre Aquelarres (Hexensabbat) abhielten, Cruceiros errichtet. Noch heute gehen viele Menschen, besonders Frauen, erst in die Kirche und danach zu einer Meiga, um sie um Rat zu fragen. In Cambarro kommt kein neues Boot aufs Wasser, ohne zuvor den Segen einer Meiga bekommen zu haben. Meigas gehören heute immer noch zum Alltag in vielen ländlichen Regionen, wobei sie eher als Heilerinnen auftreten und mit traditioneller Medizin und etwas Zauberei das Leiden der Leute lindern. Doch es gibt auch die bösen Meigas, vor denen sich die Menschen im Dorf fürchten. Sie können durch Meigallos und Feitizos (Schadenzauber, Flüche) und dem Bösen Blick (mal de ollo) große Schäden anrichten, z. B. Menschen erkranken lassen, Maschinen kaputt machen oder die Ernte vermiesen. Heute glauben die meisten Menschen nicht mehr an Meigas und ihre Kräfte, ihre Existenz aber ausschließen, können und wollen sie wohl auch nicht. Daher ist der bekannteste galicische Satz, den auch jeder in Spanien kennt, wohl: Eu non creo nas meigas, mais habelas, hainas (Ich glaube nicht an Hexen, aber es gibt sie). Daran sieht man zum einen die „typische“ galicische Unschlüssigkeit, zum anderen aber eben auch, dass man hier vielleicht doch etwas abergläubischer ist, als in anderen Regionen Spaniens. So gibt es im Süden von Pontevedra ein Dorf – San Xosé de Ribarteme (As Neves) – wo man am 29. Juli zu Ehren der Heiligen Santa Marta Lebende, die eine Krankheit o.ä. überstanden haben, in Särgen um die Dorfkirche herum trägt. San Andrés de TeixidoAuch der Wallfahrtsort San Andrés de Teixido (Cedeira), von dem man annimmt, dass er schon vor der Christianisierung eine Kultstätte der Kelten war, birgt so seine Besonderheiten. Wer sich auf den Weg dorthin macht, muss einen Stein mitbringen, den er an einem der zahlreichen Tumuli (milladoiros) ablegt, damit dieser dann am Tage des jüngsten Gerichts für den Pilger spricht (die schlechten Taten ausgleicht). Bei der Kirche angekommen, muss man aus San Andrés de Teixidoeinem Brunnen trinken. Doch Vorsicht! Ein Sprichwort besagt: A San Andrés de Teixido, vai de morto quen non foi de vivo! (Nach San Andrés de Teixido pilgert man als Toter, wenn man es nicht als Lebender tat). So glaubt man, dass in allen kleinen Tieren, die zur Kirche hochwandern – seien es Käfer, Schlangen, Würmer, Schmetterlinge etc. – die Seelen toter Menschen sind, die es nicht geschafft haben, zu Lebzeiten dorthin zu pilgern. Daher darf man auf keines der Tiere treten etc. Um zu verhindern, dass die Seele des Toten auf diese Art die Pilgerfahrt machen muss, kann man auch die Seele am Grab des Toten „abholen“, mit ihr mit dem Bus oder Auto zum Startpunkt fahren (mit einer Extra-Fahrkarte/freiem Sitz für die Seele) und so tun, als wäre der Tote anwesend. Wenn man dann zusammen oben bei der Kirche angekommen ist, gilt die Mission als erfüllt, und die Seele kann in den Himmel aufsteigen. Es gibt wohl hunderter ähnlicher Beispiele in ganz Galicien.

In Galicien werden außerdem viele Feste gefeiert. Natürlich sind die meisten Feste katholisch, aber nicht alle. So hat sich in manchen Regionen (Cedeira, Ferrol) bis heute der Samaín (irisch: Samhain) am 31. Oktober halten können, der keltische Ursprung des heutigen Halloweens. Er gilt als Ende des Sommers und Beginn der dunklen Jahreszeit (keltisches Neujahr). Auch der keltische Sommeranfang wird mit „Os Maios“ gefeiert, Mai-Feierlichkeiten mit geschmückten Maibäumen, Tänzen und Prozessionen mit Fackeln entlang der Felder (das Feuer gilt als reinigend). Zu den katholischen Festen zählen natürlich Weihnachten, Entroido (der galicische Karneval), die Fastenzeit (Coresma), Ostern, die Patronatsfeste im Sommer und der Sankt Martinstag (San Martiño, Tag an dem begonnen wird, die Schweine zu schlachten). MagostoAnfang November beginnen die Magostos, die bis zum 11. November gehen. Die wichtigsten Elemente bei diesen Feiern sind die Maronen, junger Wein, Feuer und viel Freude. Überall im Land treffen sich Menschen im Freien, machen Lagerfeuer, rösten Kastanien und Chourizos, trinken den ersten Wein und singen Volkslieder. Und es gibt unglaublich viele Volkslieder in Galicien, die meisten davon mit sehr anzüglichen Texten. Typische Instrumente, die in der traditionellen Musik Galiciens Verwendung finden, sind Tamburine (pandeireta), Flöten (pito und requinta), Trommeln (bombo und tamboril), die Rahmentrommel (pandeiro), die Drehleier (zanfona) und die Schalen der Vieira (Jakobsmuschel), die aneinander geschliffen/geschlagen werden (cunchas de vieira). Doch das Instrument Galiciens schlechthin ist der galicische Dudelsack (gaita galega). Man findet ihn überall, selbst die Pilger werden in Santiago de Compostela von einem Gaita-Spieler empfangen. Der bekannteste Gaita-Spieler ist ohne Zweifel Carlos Núñez, der als einer der besten Dudelsackspieler weltweit gilt. Außerdem sind noch Susana Seivane und Cristina Pato (in dem Lied mit den typisch galicischen „aturuxos“, grellen Schreien zwischendurch) auch außerhalb Galiciens bekannt. Zu den typischen Tänzen bzw. Musikstilen Galiciens gehören die Muiñeiras, die Xotas (Jotas im Rest Spaniens) und die Alalás (Galiciens ältester Sprechgesang). Zu den bekanntesten Bands, die traditionelle galicische Musik spielen gehören u.a. A Roda, Leilía und Treixadura.  Aber auch der galicische Folk, der besonders seit dem Ende der Franco-Diktatur einen riesigen Boom erfahren hat, erfreut sich in Galicien großer Beliebtheit. So spielen die galicischen Bands nicht nur auf den eigenen keltischen Festivals, wie z.B. dem Festival Internacional do Mundo Celta de Ortigueira (über 100.000 Besucher) oder dem Festival Intercéltico do Morrazo, sondern auch auf denen in der Bretagne (Festival Interceltique de Lorient, über 800.000 Besucher), Wales (Llangollen International Musical Eidsteddfot) oder Schottland (Celtic Connection und HebCelt). Zu diesen Bands gehören z.B. Luar na Lubre, Fuxan os Ventos, Milladoiro und Berrogüetto.

Doch was wäre ein Land ohne seine Gastronomie. Und Galiciens Küche zählt wegen ihrer Einfachheit und hervorragenden Qualität für mich zu den besten Spaniens, wenn nicht sogar der Welt. Wie es für ein Land, das von zwei Meeren gesäumt wird, nicht anders sein könnte, sind Fisch und Meeresfrüchte ein unverzichtbarer Teil seiner Gastronomie. Und nirgendwo bekommt man bessere Meeresfrüchte als in Galicien. Nicht umsonst bezieht Spanien mehr als 90% seiner Meeresfrüchte von hier. Neben den, auch in Deutschland bekannten, Garnelen (gambas), Miesmuscheln (mexillóns), Langusten (lagostas), Hummern (lumbrigantes) und Austern (ostras), werden hier auch Entenmuscheln (percebes), Herzmuscheln (berberechos), Jakobsmuscheln (vieiras), Schwertmuscheln (navallas), Kaisergranaten (cigalas), Seespinnen (centolas, eine große Krabbe), Samtkrabben (nécoras), Kammmuscheln (zamburiñas) Taschenkrebse (bois), Seeigel (ourizos de mar), Sepia (chopo/xiba), Kalmare (luras) und Strandschnecken (caramuxos) gegessen. An Fisch kommt vor allem Kabeljau (bacallau), Meeraal (congro), Meerneunaugen (lampreas), Seehecht (pescada) und Sardinen (sardiñas und xoubas) auf den Tisch. Das bekannteste Gericht ist jedoch der Polbo á feira (außerhalb Galiciens „Pulpo a la gallega“ genannt), gekochter Krake mit grobem Meersalz, Olivenöl und Paprikapulver. Den besten Kraken bekommt man auf den Feiras (Märkten) wie z.B. in O Carballiño (Ourense) , wo einem die Polbeiras (Kraken-Köchinnen) den besten Kraken zu niedrigen Preisen zubereiten.

Ein weiteres wichtiges Gericht Galiciens, das auch in andere Teile der Welt exportiert wurde, ist die Empanada. Diese galicische Teigtasche ist schon seit dem 12. Jhd. belegt. Die Basis der Füllung besteht aus Paprika, Tomaten und Zwiebeln, die je nach Region, Anlass und Lust mit Thunfisch, Miesmuscheln und anderen Meeresfrüchten, Kabeljau, Speck (touciño), Zorza (das Brät für Chorizos), Hühnchen, Schweinelende (raxo) oder Grelos (Steckrübenblätter) verfeinert werden kann. Grelos sind sehr typisch für die galicische Küche, man finden sie vor allem in Eintöpfen und Fleischgerichten, wie z.B. Lacón con grelos (gepökelter und luftgetrockneter Schweinefuß mit Steckrübenblättern, Chorizo und Kartoffeln). Obwohl sie im Laufe der Zeit viel an Bedeutung eingebüßt haben, werden Maronen immer noch häufig im Innenland verwendet, so z.B. im Eintopf Caldo de Castañas oder Castañas con leite (Kastanien mit Milch). Das bekannteste Gemüse sind wohl die Pementos de Padrón, kleine grüne Paprikaschoten, die gegrillt werden und je nach Frucht einen unterschiedlichen Schärfegrad aufweisen. So erklärt es auch das galicische Sprichwort: Os pementos de Padrón, uns pican e outros non (Die Pementos de Padrón, manche brennen und andere nicht). Galicien ist landesweit für seine Qualitätsprodukte bekannt, nicht umsonst ist Galicien Heimat für 27 Produkte mit geschützter Herkunftsbezeichnung (Denominación de Origen/ D.O.). Zu diesen gehören z. B. verschiedene Käsesorten (Queixo de Arzúa-Ulloa, Queixo de Tetilla, Queixo de San Simón), Gemüsesorten (z.B. Pementos de Padrón, Grelos de Galicia, Pataca de Galicia – galicische Kartoffeln), Miesmuscheln und Brot (pan de Cea). Aber auch viele Weine Galiciens, wie z.B. der Albariño (D.O. Rías Baixas), die Ribeiro-Weine (D.O. Ribeiro) oder die Rot- und Weißweine aus der D.O. Ribeira Sacra. In Galicien wird Wein traditionell aus Porzellantassen (cuncas) getrunken, was das Weintrinken noch ein bisschen einzigartiger macht. Auch der Aguardente de Galicia/ Orujo, ein Schnaps (Tresterbrand), hat eine geschützte Herkunftsbezeichnung, genauso wie seine Derivate: Der Kaffeelikör (licor café) oder der Kräuterlikör (licor de herbas).

Außerdem ist der Aguardente auch die Basis für die Queimada, ein flambiertes Heißgetränk, das mit der Feuerzangenbowle vergleichbar ist. Doch die Queimada ist viel mehr als nur ein Getränk, es ist ein Ritual. Zur Queimada versammeln sich Familie, Freunde und Bekannte, um mit dem Feuer böse Geister zu verjagen. Außerdem wird ein Conxuro (Beschwörung) aufgesagt, um sich vor Flüchen und Meigas zu schützen. Auch wenn dies heute in den Städten eher zwanglos und ohne realen Glauben an Hexen geschieht, schaffen die Dunkelheit, die Verbundenheit der Teilnehmer, die Beschwörung und die tanzenden blauen Flammen eine sehr eigene, mystische Atmosphäre.

Und damit wären wir am Ende dieses Beitrags angelangt. Ich hoffe, dass er nicht zu langatmig war und bei dem einen oder anderen vielleicht ein wenig dazu beigetragen hat, diese einzigartige Region kennen lernen zu wollen :) Ata loghiño queridiños!

 

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2 Gedanken zu “Galicien

  1. Ich befinde mich gerade an der Küste zwischen Oia und Baiona (ich pilgere von Porto nach Santiago), wollte eigentlich nur recherchieren wie man die Stadt Sanxenxo ausspricht und bin so auf deinen Artikel gestoßen. Und der hat mich wirklich umgehauen. Ich musste mal in der Schule einen Vortrag über Galicia halten und habe damals schon eine gewisse Verbundenheit verspürt. Du hast mir mit deinem Artikel die Grundlage für diese Verbindung erklärt. Ich bin mir nun sicher, dass ich noch einige weitere Male in dieses Stückchen Erde reisen werde. Danke dafür.

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    • Olá! Freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat :) Dieses Gefühl kann ich nur allzu gut verstehen, mich wird es auch immer wieder nach Galicien ziehen!
      Sanxenxo spricht man übrigens so aus [san’ʃɛnʃo] (also auf Deutsch in etwa „sanschänscho“. Buen camino!

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