Navarra

Navarra, oder auf baskisch Nafarroa, ist eine Autonome Gemeinschaft im Norden Spaniens. Sie ist ein wichtiger Teil von Euskal Herria, also dem Baskenland im kulturellen Sinne. Im Baskischen nennt man die Region auch Nafarroa Garaia (Ober-Navarra), um sie von der in Frankreich liegenden Nafarroa Beherea (Nieder-Navarra) zu unterscheiden. Navarra an sich ist in Deutschland wahrscheinlich nicht unbedingt bekannt, die Hauptstadt Pamplona ist aber vielen ein Begriff. Pamplona ist die wichtigste Stadt Navarras, sie ist ein wichtiger Industriestandort (u.a. VW und BSH), Zentrum des kulturellen und politischen Lebens und Touristenmagnet zugleich. Wegen der jährlichen Sanfermines kommen hunderttausende Touristen in die Stadt, um entweder zu feiern oder bei den Stierläufen mitzumachen. Außerdem dient die Stadt auch tausenden Pilgern als Ausgangspunkt für den Jakobsweg. So begann auch ich den Jakobsweg 2015 in Pamplona, um mir nicht direkt am ersten Tag die Überquerung der Pyrenäen anzutun.

euskal herria

Navarra ist zwar ziemlich klein, in etwa so groß wie Holstein, was jedoch die Landschaft angeht, könnte die Region nicht vielseitiger sein. Im Norden bilden die Pyrenäen die natürliche Grenze zu Frankreich und dem französischen Baskenland. Sie nehmen das obere Drittel der Region ein und mit ihren hohen Gipfeln, tiefen Tälern und kleinen, isolierten Dörfern ist es kein Wunder, dass hier die baskische Sprache am lebendigsten ist und sich so viele verschiedene Dialekte herausgebildet haben. Im Westen liegt die Autonome Gemeinschaft Baskenland, mit der Navarra sowohl historisch als auch kulturell sehr stark verbunden ist. Hier werden die Berge niedriger und bilden ein sanftes Auf und Ab in saftigem Grün. Generell ist Navarra sehr grün, fast 65% des Landes sind bewaldet. In Richtung Südosten flacht das Land immer weiter ab und erreicht im Ebrotal seinen tiefsten Punkt. Dieses Flachland heißt „Ribera“ und steht im starken Kontrast zum bergigen Norden (Montaña). Auch das Klima ist ziemlich unterschiedlich: Während der Norden vor allem feucht und mild ist, ist der Südosten besonders im Sommer sehr heiß und trocken. Hier, im äußersten Südosten, liegen auch die Bardenas Reales, eine seltsam anmutende Halbwüste, die entstand, als die Iberische Platte mit der Eurasischen Platte kollidierte. Während im Norden die Pyrenäen entstanden, wurde im Süden der Meeresboden angehoben. Dieser Meeresboden trocknete aus und ist heute eine Halbwüste, die reich an bizarren Bergformationen ist und die den Archäologen immer mehr über unseren Planeten erzählt. Das krasse Gegenteil zu dieser Mondlandschaft ist der Wald Selva de Irati ganz im Norden. Hierbei handelt es sich um einen der größten und ursprünglichsten Buchenwälder Europas. Von Bächen, kleinen Wasserfällen und dem Fluss Irati durchzogen, wirkt er mit seinen mit Moos bewachsenen Steinen und Bäumen wie ein Märchenwald. Es ist ein mystischer Ort, um den sich viele Legenden ranken. Legenden von Hexen und Fabelwesen, wie den behaarten Riesen Basajaun, die gewisse Ähnlichkeiten mit dem Yeti haben und früher den Schäfern dabei geholfen haben sollen, die Schafe zu beschützen. Je nach Legende kommt dem Basajaun entweder eine Rolle als Fabelwesen oder als paganische Gottheit zu. Bei Zugarramurdi befinden sich die Cuevas de las brujas / Zugarramurdiko leizeak (die Hexenhöhlen), ein prähistorisches Höhlensystem, das angeblich den ortsansässigen Hexen als Treffpunkt für den Hexensabbat (Aquelarre) gedient haben soll. Im Jahr 1610 wurde 31 Personen aus Zugarramurdi und Umgebung der Prozess wegen Hexensabbat in ZugarramurdiHexerei gemacht, 13 starben aufgrund der Folter, fünf wurden gekreuzigt und sechs wurden verbrannt. Seitdem ist Zugarramurdi landesweit bekannt, denn es war der größte Prozess dieser Art in Spanien. Es gibt sogar einen Film von Álex de la Iglesia, der das Thema aufgreift und als Horrorkomödie wiedergibt. Er heißt „Las brujas de Zugarramurdi“ (Die Hexen von Zugarramurdi) und hat acht Goya Awards gewonnen, was für mich ehrlich gesagt völlig unverständlich ist. Ich hatte das Gefühl noch nie einen schlechteren Film gesehen zu haben und tatsächlich 100 Minuten meines Lebens einfach so verloren zu haben. Allein schon der englische Titel des Films lässt nichts Gutes erahnen: Witching & Bitching. Aber hey, Geschmäcker sind ja verschieden, also sollte jeder den Film erst selbst gucken, bevor ihn meine negative Bewertung beeinflusst!

Navarra ist eine sehr interessante Region, sowohl im historischen und politischen, als auch im kulturellen und sprachlichen Sinne. Seit Jahrtausenden wird das Gebiet von Basken bevölkert, die immer wieder als Widersacher in der Geschichtsschreibung erscheinen. So hatten bereits die Römer ziemliche Schwierigkeiten, diese Gebiete unter Kontrolle zu bekommen. Immer wieder kam es zu Aufständen in den Pyrenäen, später profitierten die Basken allerdings sehr vom Römischen Reich. Die Keltiberer im Süden der Region machten nicht solche Schwierigkeiten und wurden relativ schnell romanisiert, was u.a. die heutige sprachliche Situation erklärt. Nachdem das Römische Reich untergegangen war, kamen die Westgoten. Sie schafften es nicht, die Basken zu besiegen. Trotz der unzähligen Versuche, das Gebiet zu kontrollieren, blieb das Gebiet größtenteils unabhängig. Auch die Maurische Eroberung dauerte dort nur kurz an, so wurde Pamplona 718 n. Chr. erobert und war daraufhin Spielball des maurischen Kalifats und des Frankenreichs. Abwechselnd von den Franken und den Mauren besetzt kam es im Jahr 778 zu einem wichtigen Zwischenfall. Karl der Große, der zu dieser Zeit König des Fränkischen Reichs war, zerstörte beim Rückzug die Stadt Pamplona, nachdem die Eroberung von Zaragoza fehlgeschlagen war. In den Pyrenäen, bei Orreaga/Roncesvalles, kam es dann zur Schlacht von Roncesvalles, bei der die Basken die Nachhut des Heeres unter Aufsicht von Roland angriffen und vernichteten. Die Legende erzählt zwar, dass Roland von Sarazenen / Mauren überfallen wurde, jedoch scheinen heute alle Historiker der Meinung zu sein, dass es christliche Basken waren. Denn alle zeitgenössischen Berichte erwähnen die Basken als Angreifer, erst im 11. Jahrhundert mit der Erscheinung des Rolandsliedes werden die Sarazenen erwähnt. So bescherten die Basken Karl dem Großen die einzige Niederlage seiner Zeit als König.

Im Jahr 824 n.Chr. wurde das Königreich Pamplona gegründet, das unter König Sancho III, ursprünglich auf Baskisch Antso III.a Nagusia genannt, seine größte Ausdehnung hatte (1030 n.Chr.) und später in Königreich Navarra umbenannt wurde (1161 n. Chr.). Zeitweise war es das mächtigste Königreich des Iberischen Halbinsel und hatte sowohl Teile des späteren Kastilien als auch Aragoniens inne. Nach dem Tod des Königs Sancho III teilten sich seine Söhne das Königreich unter sich auf, obwohl im Testament stand, dass nur einer von den Söhnen das Erbe antreten sollte, um das Königreich beizubehalten. So entstanden neben dem Königreich Navarra die Königreiche Kastilien und Aragón. Ab diesem Zeitpunkt kam es zu Thronfolgekriegen und Auseinandersetzungen zwischen verschieden Adelsgeschlechtern und Königreichen, von denen ich leider nicht genug weiß, um sie hier weiter auszuführen. Die Wirren gipfelten in mehreren Bürgerkriegen, der letzte endete 1515 mit der endgültigen Eroberung durch Kastilien.

Zwar blieb Navarra weiterhin ein eigenständiges Königreich, jedoch war es der Kastilischen Krone unterstellt. Während die folgenden Jahrzehnte in Ober-Navarra eher friedlich waren, weil die Vizekönige alles umsetzten, was Kastilien forderte, gestaltete sich die Eroberung von Nieder-Navarra eher schwierig. Der Widerstand gegen die Kastilische Krone riss nicht ab und so entschied man sich, das Gebiet zu verlassen. Nieder-Navarra konnte sich den Status als eigenständiges Königreich innerhalb Frankreichs bis ins 17. Jhd. erhalten, verlor nach der Französischen Revolution jedoch alle Privilegien und Rechte und verschwand von der Bildfläche. Heute ist es Teil des Départment Pyrénées Atlantiques, zusammen mit den beiden anderen historischen Provinzen des französischen Baskenlands (Iparralde genannt) Labourd (Lapurdi) und Soule (Xiberua) und dem gaskognischensprachigen Béarn. Seit der Französischen Revolution fordern die Menschen der Region, für das französische Baskenland ein eigenes Départment einzurichten, um u.a. ihre eigenen Interessen vertreten zu können. Dem wurde jedoch bis heute kein Gehör geschenkt, schlimmer noch, die Grenzen der historischen Provinzen wurden vollkommen umgeändert, sodass die Provinzen heute weder eine politische noch eine administrative Einheit bilden; heute liegt z.B. Maule-Lextarre, die historische Hauptstadt von Xiberua, im Verwaltungsbezirk Oloron, das historisch eigentlich zum Béarn gehört.

Ober-Navarra erging es da besser. Zwar war es der Kastilischen Krone untergeordnete, jedoch wurde die politische und institutionelle Autonomie beibehalten. So hatte Navarra seine eigene Gesetzgebung, Justiz, Institutionen und Verwaltung. Diese historischen Rechte heißen Fueros, und sind bis heute sehr wichtig. Während andere Königreiche und Regionen ihre historischen Rechte verloren (z.B. Katalonien, Valencia, Aragón), weil sie in Thronfolgekriegen auf der falschen Seite kämpften, konnte Navarra sich seine Fueros erhalten. Das Königreich Navarra existierte bis 1841, ein Jahr nach dem Ende des 1. Carlistenkriegs. Da Navarra sich auf die Seite der Carlisten gestellt hatte, wurde die Region nach deren Niederlage bestraft, so wie es anderen Regionen schon vorher passiert war. Die „Cortes“ (Ständeversammlung) wurden aufgehoben, das Foralrecht abgeschafft. Stattdessen wurde Navarra als weitere Provinz in den spanischen Zentralstaat integriert und erlangte erst 1978 mit der neuen Spanischen Verfassung das Foralrecht zurück.

Exkurs: Carlistenkriege

Auch wenn es thematisch nicht ganz passt, möchte ich noch kurz etwas zu den Carlisten sagen, denn die Carlistenkriege sind eine weitere Absurdität in der spanischen Geschichte. Spanien war zu der Zeit eine absolute Monarchie. 1808 hatte Spanien vor Napoleon kapituliert, der König Fernando VII wurde verhaftet. Die Bevölkerung war aber gegen die Besatzung und organisierte sich selbst für den Widerstand. So entstand der Guerillakampf, der bis dahin unbekannt war. Die Kämpfe zogen sich bis 1813 und am Ende wurde Napoleon vom spanischen Volk (mit englischer Unterstützung) endgültig vertrieben. Die Cortes hatten bereits 1811 eine liberale Verfassung beschlossen, die neue Presse- und Vereinsrechte beinhaltete, die Kirche zur Steuerzahlung zwang, die Folter und Inquisition abschaffte und das Eigentum der Kirche enteignete und versteigerte, um so mehr Land für die Bauern zu haben. Als König Fernando VII 1814 zurückkehrte erklärte er die Verfassung für ungültig und baute seine absolutistische Herrschaft weiter aus. Es kam zu Unruhen und Aufständen in der Bevölkerung und den Liberalen, die 1820 in einem Militärputsch gipfelten, der die Verfassung erneut durchsetzte. Mit der französischen Invasion im Jahr 1823, die vom König Fernando VII verlangt worden war, wurde jedoch die absolutistische Monarchie wieder eingeführt. Mit der Zeit verbündete sich der König mit den immer stärker werdenden Liberalen, um seine Machtposition zu behalten. Nach seinem Tod 1833 regiert seine Tochter Isabel II (in den ersten Jahren vertreten durch ihre Mutter, María Cristina von Neapel-Sizilien), da er das Erbfolgerecht zu ihrem Gunsten geändert hatte. Das alles passierte parallel zu den Unabhängigkeitskriegen in Amerika, da man dort die Invasion von Napoleon genutzt hatte, um sich von der spanischen Krone loszureißen. Bereits 1825 hatte die meisten Kolonien ihre Unabhängigkeit erlangt. So, das ist die Vorgeschichte, die meines Erachtens wichtig ist, um das, was folgt, verstehen zu können. Fernando VII hatte einen Bruder, Don Carlos, der nach geltendem Recht Thronfolger war. Da Fernando VII jedoch liberaler geworden war und Don Carlos antiliberal eingestellt war, bevorzugte der König seine Tochter Isabel II (zu dem Zeitpunkt jedoch erst drei Jahre alt), die den Reformkurs weiterführen sollte. Spanien war also geteilt in ein absolutistisches (bevorzugten Don Carlos als neuen König, daher Carlisten) und ein liberales Lager (bevorzugten Isabel II). Nachdem die Aufklärung Anfang des 19. Jhd. ein abruptes Ende genommen hatte, fing sie nun langsam wieder an, sich durchzusetzen. Dies war den Carlisten, besonders der Katholischen Kirche, zuwider. Aber auch Regionen wie Navarra, Katalonien, das Baskenland etc., die ihre historischen Rechte entweder wiedererlangen wollten oder sie in Gefahr sahen, stellten sich auf die Seite der Carlisten. Die Liberalen waren nämlich von der Französischen Revolution inspiriert und große Verfechter einer Zentralisierung des Staates, nach französischem Vorbild. Dies bedeutete, dass die Regionen alle historischen Rechte verlieren müssten. Im Gegensatz dazu verteidigten die Carlisten die regionale Autonomie. Was ist das absurde an alledem? Während sich im Rest von Europa die Völker gegen ihre absolutistischen Machthaber stellten und z.B. für eine Verfassung kämpften, geschah in Spanien das genaue Gegenteil. Regionen, die heute klar antimonarchisch sind (wie z.B. das Baskenland, Katalonien), kämpften damals für den Absolutismus. Wobei man halt nicht vergessen darf, dass dies nur der Fall war, weil die Liberalen ihnen ihre Rechte wegnehmen wollten. Insgesamt gab es drei Carlistenkriege. Jeden gewannen die Liberalen, jedoch schafften es die Carlisten, eine riesige Opposition zu formieren. Dies ist der Grund, weshalb die liberalen Ideen nie ganz umgesetzt wurden. Überall in Spanien kam es zu Kriegen und Unruhen, besonders in Navarra, Katalonien und dem Baskenland. Im Süden breitete sich der Anarchismus immer weiter aus. Es war ein großes Chaos. Könige dankten ab, weil sie keine Lust mehr hatten, Spanien zu regieren, Deutschland und Frankreich zogen gegeneinander in den Krieg, weil beide den Spanischen Thron wollten. Zwischendurch wurde sogar die 1. Spanische Republik ausgerufen, die jedoch nach nur knapp zwei Jahren mit einem Militärputsch wieder endete. Wenn man sich ein bisschen mit der Geschichte beschäftigt, fragt man sich, was die gemacht hätten, wenn es damals schon Internet gegeben hätte und Informationen sich so schnell verbreitet hätten, wie heute…Die Carlistenkriege hatten zur Folge, dass die Kirche weitestgehend enteignet wurde und die Grundstücke zu niedrigen Preisen angeboten wurden, welche von der oberen Mittelschicht gekauft wurden. Somit stellte sich die traditionell sehr konservative Mittelschicht auf die Seite der Liberalen, um zu verhindern, dass die Kirche ihre Besitztümer zurückverlangte. Im Süden führte dies zum Caciquismo, ein oligarchisches Patronatssystem, das unglaublich viel Druck auf die arbeitende Bevölkerung ausübte. Ab 1870 einigten sich nämlich Liberale und Konservative darauf, sich in der Macht abzuwechseln, und die Caciques, die Oligarchen, hatten die Aufgabe, die Bevölkerung zur Wahl derjenigen zu bewegen, die an der Reihe waren, zu regieren. Das machte die Bevölkerung Andalusiens, vor allem bettelarme Tagelöhner, die wie Sklaven behandelt wurden, empfänglich für den Anarcho-Syndikalismus. Das 19. Jahrhundert war ein sehr blutiges für Spanien. Nirgendwo in Europa bekämpften sich Andersdenkende so brutal wie dort. In dieser Zeit wurde auch der Begriff „las dos Españas“ (die zwei Spanien) geprägt. Jedoch zu sagen, dass diese Teilung Spaniens allein auf politisch-ideologischen Präferenzen beruht, wird den Tatsachen nicht gerecht, da die Probleme viel vielschichtiger waren, als dass man sie einfach mit die „Linken“ gegen die „Rechten“ hätte beschreiben können. Fakt ist aber, dass diese Teilung Spaniens bis weit ins 20. Jhd. anhielt und noch heute teilweise zu beobachten ist. Die Kirche verlor an Glaubwürdigkeit, da sie sich plötzlich den Oligarchen zugewandt hatte, was die Arbeiter und Bauern als Verrat ansahen, hatte die Kirche doch in den vorhergegangen Jahrhunderten stets für eine egalitäre Gesellschaft gekämpft. Das Militär, das anfangs auf der Seite der Liberalen war und ihnen durch unzählige Militärputsche geholfen hatte, ihre Macht auszubauen, wechselte Ende des 19. Jahrhunderts zu den Carlisten. Nach den Kriegen kam der Frieden, aber es brodelte weiter. Navarra war das Zentrum der Carlisten, selbst als die 2. Republik (1931-1936) den Regionen weitreichende Autonomie gewährte, lehnte Navarra dies strikt ab. Eine Autonomie, die von einer Republik erteilt wurde, war mit ihren historischen Rechten nicht vergleichbar. Der Konflikt gipfelte schließlich im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939), aus dem Francisco Franco als „Sieger“ hervorging. Wenn man die Geschehnisse im Kontext sieht, versteht man vieles besser. Viele fragen mich, wieso es in Spanien so viele Unabhängigkeitsbewegungen gibt, warum es so ein tiefes Zerwürfnis zwischen den Linken und den Rechten gibt und wieso Spanien, das einst größte und mächtigste Imperium der Welt, plötzlich von der Bildfläche verschwunden zu sein schien. Die Antworten liegen hier, in der Geschichte und es ist zu hoffen, dass man endlich aus ihr lernt.


 

So, jetzt zurück zu Navarra. Wie schon gesehen, spielte Navarra auch in den Carlistenkriegen eine große Rolle, und noch heute ist die Region um einiges konservativer als z.B. das benachbarte Baskenland. Daher ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass der Opus Dei, jene römisch-katholische Gruppierung, die spätestens nach Dan Browns „Sakrileg“ jedem ein Begriff sein sollte, hier besonders aktiv ist und u.a. die Universität von Navarra in Pamplona und die IESE Business School unterhält (die erste gilt als beste Privatuniversität Spaniens, die zweite erschien mehrmals unter den Top Ten der besten Managementschulen der Welt, aktuell auf Platz 1).

Navarra blickt auf eine 1000 jährige Geschichte als Königreich zurück (841 – 1841 n. Chr.) und hat es geschafft, nach und nach viele der alten Fueros zurückzugewinnen. So ist Navarra heute eine der unabhängigsten Regionen Europas, sie haben die Steuerhoheit, ihre eigene Gesetzgebung, und weitreichende Kompetenzen in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Kultur und Verwaltung. Außerdem hat Navarra eine eigene Polizei, die Policía Foral / Foruzaingoa, und gehört so mit Katalonien (Mossos d’Esquadra) und dem Baskenland (Ertzaintza) zu den einzigen Regionen, die eine eigene, unabhängige, autonome Polizei haben.

Sprachlich ist Navarra dreigeteilt. Grob gesagt ist das nördliche Drittel baskischsprachig, ein Mittelstreifen ist gemischt baskisch- und spanischsprachig und der Rest ist mehrheitlich spanischsprachig. Das hat vor allem historische Gründe, da das südliche Drittel von Keltiberern besiedelt war, die sehr schnell romanisiert wurden. So entstand in der Region das Navarro-Aragonesische, eine aus dem Vulgärlatein entstandene Sprache, die im 16. Jhd. ausstarb und aus der die heutige Aragonesische Sprache entstanden ist.

Der Norden, durch die Berge stark vom Rest der Iberischen Halbinsel isoliert, behielt die Baskische Sprache bei. Zwischen Nord und Süd kam es zur Durchmischung. Einige Regionen behielten das Baskische bei, andere wechselten zum Navarro-Aragonesischen und später zum Kastilischen. So spricht man heute in Pamplona, das in dieser gemischten Zone liegt, beide Sprachen, wobei das Kastilische jedoch mehrheitlich ist. Trotzdem ist das Baskische weiterhin präsent, so nennen viele ihre Stadt Iruñea statt Pamplona, viele Ortsnamen sind Baskisch und auch in den Supermärkten und Tante-Emma-Läden hört man immer wieder Baskisch. Im Norden ist das Baskische die Hauptsprache, es ist die Muttersprache von fast 70% der Bevölkerung. In der gemischten Zone ist die Situation sehr unterschiedlich. Generell kann man sagen, dass der Anteil der Baskischsprecher zwischen 20% und 40% liegt. Aber auch in den rein spanischsprachigen Gebieten gibt es Gemeinden, die das Baskische beibehalten haben. Wie man sieht, ist es nicht einheitlich und in jeder dieser Zonen gibt es eine unterschiedliche Gesetzgebung, die die Nutzung der baskischen Sprache regelt. So ist das Baskische im Norden kooffizielle Amtssprache und wird in allen offiziellen Angelegenheiten genutzt. Außerdem ist Baskisch Pflichtfach in den Schulen, mit der Option Baskisch auch als alleinige Unterrichtssprache zu wählen. In der gemischten Zone ist Spanisch zwar alleinige Amtssprache, die Menschen haben jedoch das Recht, z.B. im Kontakt mit Behörden etc. das Baskische zu benutzen, ohne dass eine Übersetzung verlangt werden darf. Desweiteren darf zwischen verschiedenen Schulformen gewählt werden, je nachdem ob man möchte, dass das Kind auf Spanisch, Baskisch oder zweisprachig unterrichtet werden soll. Tatsächlich leben in der gemischten Zone die meisten Baskischsprecher, da viele Menschen aus dem Norden nach Pamplona und Umgebung gezogen sind. In der spanischsprachigen Zone gelten diese Gesetze nicht, Spanisch ist die einzige Amtssprache und auch die einzige Unterrichtssprache in den öffentlichen Schulen. Trotzdem gibt es dort die Möglichkeit, auf Baskisch unterrichtet zu werden, und zwar in den sogenannten Ikastolas (Baskischschulen), die jedoch Privatschulen sind. Die jetzige Regierung von Navarra (einer linken Koalition zwischen Geroa Bai, EH Bildu, Podemos und Izquierda-Ezkerra) hat gerade durchgesetzt, dass auch in der spanischsprachigen Zone Baskisch als Unterrichtssprache angeboten werden soll, wenn die Nachfrage groß genug ist. Somit ist das Schulsystem das wichtigste Instrument, um die Sprache am Leben zu erhalten, denn bereits jetzt besuchen mehr als 30% der Schüler die „rein“ baskische Schulform, obwohl sie Zuhause kein Baskisch sprechen. War in den Jahren vor und während der Diktatur die Zahl der Euskaldunak (Baskischssprecher) stark zurückgegangen, scheint sie jetzt wieder langsam, aber stetig, zu steigen.

Navarra ist, nach dem Baskenland und noch vor Madrid und Katalonien, eine der reichsten Regionen Spaniens, was nicht zuletzt auch am Foralrecht liegt, das besagt, dass die Regionalregierung selbst entscheiden kann, wie viel Geld sie der Zentralregierung in Madrid gibt (im Moment ca. 14% des BIP). Aber auch der Charakter der Navarresen ist von großer Bedeutung, denn sie sind bekannt für ihren Geschäftssinn. Naja, und als konservatives Zentrum Nordspaniens, wissen sie auch, wie man sein Geld bei sich behält und vermehrt. So betreiben u.a. VW und BSH (Bosch und Siemens Hausgeräte) Werke in Navarra, aber auch Gamesa (viertgrößter Windenergieanlagenhersteller der Welt) und Liebherr (Hersteller von Kränen und Fahrmischern). Außerdem ist Navarra eine der führenden Regionen in Europa was Windenergie angeht. So bezieht die Region inzwischen fast 80% seiner Energie aus erneuerbaren Energiequellen. Was viele nicht wissen, ist dass u.a. die NH Hotel Group, die mittlerweile Europas drittgrößte Business-Hotelgruppe ist, von hier stammt.

Kulturell ist Navarra natürlich größtenteils baskisch geprägt. So findet man hier viele traditionelle Sportarten, die man auch im Baskenland findet, wie z.B. pelota vasca. In jedem noch so kleinen Dorf gibt es einen Platz (frontón / pilotaleku), um Pelota zu spielen. Auch die Musik ist nahezu identisch mit der des Baskenlandes, so sind der txistu (eine Flöte), die trikitixa (baskisches Akkordeon), und das Tamburin auch typisch navarrische Instrumente; und der aurresku und der ingurutxo typische Tänze Navarras. Wichtige Feste sind z.B. der Karneval von Auritz/Burguete und der von Ituren und Zubieta (in den Pyrenäen), der Volatín in Tudela (im Südosten) und die tausenden Patronatsfeste, die jedes Dorf im Sommer feiert. Das wichtigste dieser Patronatsfeste ist das von Pamplona, die Sanfermines, mit denen ich mich aber in einem anderen Beitrag näher beschäftigen werde.

Mich persönlich fasziniert Navarra. Zwar habe ich vieles noch nicht besuchen können, aber das, was ich bisher kennengelernt habe, hat mich positiv überrascht. Selten bin ich so gastfreundlichen Menschen begegnet wie dort, Menschen, die auf der einen Seite unglaublich stolz sind auf ihr „Land“, aber auf der anderen Seite vor Weltoffenheit, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft nur so strotzen. Gora Nafarroako herria!  

 

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